Predigt zu Lukas 17,11-19
in der Ökumenischen Andacht anlässlich des Bundesparteitags der SPD am 7.12.2017 in Berlin
Verehrte Damen und Herrn, die Sie sich hier anlässlich Ihres diesjährigen Bundesparteitags versammelt
haben, liebe Schwestern und Brüder,
bevor ich zu Ihnen über das Evangelium spreche, das wir eben gehört haben, möchte ich ein Zitat des
verstorbenen Aachener Bischofs Klaus Hemmerle vorlesen. Denn ich möchte Sie einladen, in dieser
Andacht über das Thema Humanität und Humanisierung, Menschlichkeit und Menschenwürde
nachzudenken. Dabei zeige ich nicht mit dem Finger auf andere, auch nicht auf Sie und Ihre Partei.
Stattdessen sehe ich uns alle bei diesem Thema sehr gefordert und immer wieder neu reformbedürftig.
Das Zitat stammt aus einem der Vorträge von Bischof Hemmerle aus dem Jahr 1970: „Wenn man mich
fragen würde, was ich am meisten in der Welt liebe, was mir das Kostbarste in der Welt ist, könnte ich
wirklich nichts anderes sagen als: die Kirche! Allerdings, wenn man mich fragen würde, was das
Vergänglichste in der Welt ist, was am meisten anders werden muss, müsste ich wiederum sagen: die
Kirche! Warum liebe ich die Kirche über alles, was ich in der Welt habe? Deswegen, weil ich daran glaube,
dass in dieser Kirche mit all ihren Mängeln, mit all ihrer Not, mit all ihrer Vorläufigkeit, mit all dem, was
anders sein könnte an ihr, Gott zur Menschheit steht. (…) Mein Ja zu allen Menschen ist dadurch real und
wirklich, dass ich sie hineinstelle in dieses Ja Gottes, in sein Handeln, in seine Gnade, in sein Erbarmen mit
den Menschen.“
10 Menschen werden aus der Gesellschaft ausgestoßen und begegnen Jesus. Die Priester, die damals auch
als „Gesundheitsamt“ tätig waren, haben diese 10 Menschen für aussätzig erklärt. Damit waren Sie
Ausgesetzte, die als Leprakranke außerhalb der Dörfer und Städte leben mussten. Jesus sagt Ja zu diesen
Menschen. Eine 2000 Jahre alte Geschichte, die mit uns nichts mehr zu tun hat?
Warum mute ich Ihnen diesen Schrifttext zu Beginn Ihres Parteitags zu? Ich weiß, dass Sie andere Sorgen
haben. Für Sie wie für viele andere Politikerinnen und Politiker geht es derzeit doch eher um die Suche
nach Mehrheiten. Trotzdem lenke ich Ihren Blick in dieser Andacht auf Minderheiten, weil sich in der Sorge
um die Minderheiten der Geist Jesu Christi zeigt. Und über die Art und Weise, wie wir mit Minderheiten
umgehen, bewähren und bewahrheiten sich die Werte einer Mehrheit. Eine Mehrheit, die sich aus dem
Geist Jesu Christi in der Gesellschaft engagiert, sorgt nicht nur für sich, sondern hat auch die Minderheiten
im Blick; ja selbst jene, die als Gefahr eingestuft werden. Wer eher auf der Sonnenseite lebt, ist noch nicht
vollendet. Wer eher auf der Schattenseite lebt, muss erfahren, dass er nicht verloren ist.
1998 durfte ich die Insel Molokai, eine der Hawaii-Inseln besuchen. Hierhin wurden noch in den 1950er
Jahren Menschen aus den USA gebracht, die leprakrank waren. Einer meiner Mitbrüder, Pater Damian De
Veuster, ist im 19. Jahrhundert als erster gesunder Mensch auf diese Insel gegangen, um sich der
Ausgesetzten anzunehmen. Nach ihm sind bis heute Mitbrüder meiner Gemeinschaft auf dieser Insel tätig.
Die Zustände auf der Insel Molokai waren katastrophal. Der Umgang der Aussätzigen untereinander war
roh und unbarmherzig. Sie hatten nichts mehr zu verlieren. Vom Schiff aus ins Wasser geworfen, mussten
sie an Land schwimmen. Viele starben, bevor sie auf der Insel ankamen. Damian und viele nach ihm haben
zu menschenwürdigeren Lebensverhältnissen auf dieser Insel beigetragen. Obwohl sie wussten, dass sie an
Lepra sterben würden, da es bis vor ca. 100 Jahren keine entsprechende Medizin gab, die diese Krankheit
stoppen konnte, ließen sie sich von den Aussätzigen und ihrem Schicksal berühren.
Auch heute versuchen Menschen andere, die eine Gefährdung darstellen oder gefährlich zu sein scheinen,
in Ghettos und Lager zu sperren und auf Inseln zu verbannen. Ja, es ist verständlich, dass Gesunde sich
gegen ansteckende Kranke abschotten, Reiche gegen Arme, Intelligente gegen Dumme, Hübsche gegen
Hässliche, Schnelle gegen Langsame. Denn wer will schon angesteckt werden oder in seinem Ansehen oder
Wohlstand in einen Sog nach unten geraten?
Wir sind zu Sicherheit und Schutz verpflichtet. Gleichzeitig müssen wir zur Humanisierung der ganzen
Gesellschaft beitragen. Wer die Menschen, die andere Menschen oder deren Erfolg gefährden, nur isoliert
und Ihnen keine Chance gibt, menschlich zu leben und durch Erfahrung von eigener Würde auch selbst
menschlicher zu werden, erfüllt seine menschliche Verpflichtung nicht und kommt nicht seiner sozialen
und erst recht nicht seiner christlichen Verantwortung nach.
Der Text aus dem Lukasevangelium sagt nicht, Jesus habe alle Leprakranken seiner Zeit geheilt. Aber Jesus
hat sich gegen den Trend dazu entschieden, 10 Ausgesetzte zu berühren und sie zu heilen. Der heilige
Damian De Veuster hat nicht alle Ausgesetzten der Welt auf die Insel Molokai aufgenommen. Er hat aber
dafür gesorgt, dass diese Menschen eine neue Perspektive bekamen und nicht nur auf den Tod warteten
sowie bis zu ihrem Tod unmenschlich miteinander umgingen. Stattdessen hat er etwas für die Bildung der
Ausgestoßenen getan, obwohl es sich wirtschaftlich betrachtet nicht lohnte. Er hat Musikinstrumente
besorgt und mit ihnen ein Orchester gegründet. Er setzte sich für Hygiene und für eine lindernde
medizinische Versorgung ein. Er lehrte die Kranken, Holzhäuser zu bauen, die das Leben erträglicher
machten. Die Toten, die vor der Ankunft Damians nur vergraben wurden, hat er würdig bestattet und dazu
Särge gezimmert; insgesamt während der 16 Jahre seines Wirkens, mehr als 3000.
Welche Werte uns heute in unserer Gesellschaft wichtig sind, zeigt sich gerade im Umgang mit
Minderheiten. Der christliche Glaube darf uns nicht dazu verführen, unrealistische Ziele zu verfolgen. Der
christliche Glaube darf nicht dazu verleiten, Gefahren zu übersehen oder Sorgen zu ignorieren. Wir können
die Sorgen und Nöte auch nicht abschaffen. Der christliche Glaube relativiert aber diese Sorgen, setzt sie in
ein weiteres Netz von Beziehung, in dem auch Gott seinen Platz hat. Der christliche Glaube lässt nicht nur
fragen, wie wir gesunde Menschen vor Ansteckung bewahren können, sondern beauftragt zum
menschenwürdigen Umgang mit allen Kranken unabhängig von deren Versicherung. Die Sendung des
Christen ist noch nicht erfüllt, wenn wir für die Sicherheit der Menschen sorgen. Sie ist erst erfüllt, wenn
wir auch alles tun, um Kriminelle nicht nur menschenwürdig leben zu lassen, sondern sie auch fördern,
damit sie mit anderen Menschen menschenwürdiger umzugehen lernen. Die Sendung des Christen ist noch
nicht erfüllt, wenn wir uns vor der Überforderung bewahren, alle Menschen aufzunehmen, die gerne in
unserem Land leben wollen. Sie ist erst dann erfüllt, wenn wir im Rahmen unserer Möglichkeiten dafür
sorgen, dass die Abgewiesenen außerhalb unseres Landes menschenwürdiger leben können und so lernen,
einander menschlicher zu begegnen.
Auf der Insel Molokai gingen die Aussätzigen miteinander so lange unmenschlich um, solange sie selbst
keine Menschenwürde erfahren haben. Wo wir Minderheiten ignorieren, besteht die Gefahr, dass diese
sich radikalisieren. Durch die Menschenwürde, die Damian De Veuster und seine Gefährtinnen und
Gefährten die Ausgesetzten erfahren ließen, sind sie menschlicher geworden im Umgang miteinander.
Lohnt sich das? Es kommt drauf an, was wir als Lohn definieren. Weder in Euro noch in Wählerstimmen ist
dieser Lohn auszudrücken. In dem Text aus dem Lukasevangelium kommt einer zurück und bedankt sich.
Es ist ausgerechnet der Samariter, der nicht zur jüdischen Gemeinde Jesu gehörte. Das ist so, als würde
jemand Ihre Partei wählen oder in unsere Kirche kommen, von dem wir dies nie erwartet hätten. Mein
Mitbruder Damian De Veuster, der ursprünglich Belgier war, wurde noch vor wenigen Jahren und mehr als
100 Jahre nach seinem Tod zum berühmtesten Belgier gewählt, berühmter also als namhafte Könige und
Politiker, Bischöfe und Künstler seines Landes. Dank und Anerkennung sind kein Lohn, für den wir uns
materiellen Luxus leisten können. Dank und Anerkennung sind aber der Lohn für innere Freiheit und
christlich motivierte Glaubwürdigkeit, für den man sich nichts kaufen kann, aber von dem man aufrichtig
und versöhnt leben kann wie im Himmel so auf Erden. Lassen wir einander in dieser Welt spüren: Wir
sind nicht vollendet und andere sind nicht verloren. Amen.
(P. Manfred Kollig SSCC, Generalvikar)