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Lejeune-Interview

Ohne die Kirche geht nicht viel!

Interview mit Pater Paul Lejeune über Werke und Pastoral in der Demokratischen Republik Kongo

Pater Paul, Sie befinden sich nun zum zweiten Mal in der Demokratischen Republik Kongo. Welches sind die größten Veränderungen seit Ihrem ersten Aufenthalt in den 80er Jahren?

 

Die erste Veränderung ist natürlich politisch. Désiré Kabila hat die Macht mit Waffengewalt an sich gerissen, und danach ist der Krieg ausgebrochen. Das hat das Land geteilt und tiefer in den Ruin geführt. Jetzt leben wir in unter der Präsidentschaft von Joseph Kabila, dem Sohn und Waffenbruder des Präsidenten Désiré Kabila, aber in Wirklichkeit leben wir immer noch unter einem diktatorischen Regime, auch wenn wir es so nicht benennen. Insofern hat sich die Wirklichkeit kaum verändert. Und sie kann sich sogar verschlechtern, denn die Leute haben Angst sich auszudrücken. Die Presse ist de facto kontrolliert, auch wenn die Machthaber sagen, dass die Presse frei ist. In Wirklichkeit gibt es auf der einen Seite die politische Macht und auf der anderen alles, was mit ihr zu tun hat. Kräfte, die terrorisieren und sogar physisch eliminieren. Eine andere Veränderung ist die wachsende Armut. Der Kongo ist ein Land, wo das Elend ständig größer wird. Die Bresche zwischen Reichen und Armen wächst zusehends und schreit zum Himmel nach Rache, so groß ist die offenkundige Ungerechtigkeit. Es gibt keine Arbeit. Selbst auf den Dörfern hungern Menschen.

Seit 2006 gibt es einen gewählten Präsidenten im Kongo. Viele Menschen haben große Hoffnungen auf ihn gesetzt. Die Regierung unter der Präsidentschaft von Joseph Kabila hat zumindest versucht, einen Weg zum Frieden und zur Demokratie einzuschlagen. Trotzdem gehen die Konflikte weiter – vor allem im Osten des Landes – und der Kongo gehört immer noch zu den ärmsten Ländern ohne grundlegende Vorsorge für die Nöte der Menschen. Warum ist Kabila gescheitert?

 

Das hat äußere und innere Gründe. Ich denke, dass es sehr schwer ist für ein Land, das unter Aufsicht steht, sich von den Ländern frei zu machen, die pausenlos versuchen, es zu isolieren, um von seinem Reichtum zu profitieren. Das ist der Grund für die Kriege, die speziell im Osten des Landes stattfinden und jetzt auch noch im Nord-Osten. Das Ausland will von den Reichtümern profitieren, und es hat ein Interesse daran, das Land zu destabilisieren, um in ungerechter Weise von seinem Reichtum zu profitieren. Darüber hinaus ist Joseph Kabila nie wirklich akzeptiert worden. Von Anfang an, seit er die Macht übernommen hat, wurden Fragen laut nach seiner wirklichen Identität. Ist er wirklich der Sohn von Désiré Kabila? Welche wirklichen Verbindungen hat er mit Rwanda? In Wahrheit sieht es auch so aus, als ob seine innere Garde aus Rwandern besteht. Die Bevölkerung kann diese Situation nicht akzeptieren. Präsident Kabila hat eine Verbesserung der Lebenssituation versprochen. Und wir sind von diesen Verbesserungen noch weit entfernt. Die Enttäuschung ist groß, sehr groß sogar. Präsident Kabila hat die Menschen zu seiner Präsidentschaft gelockt mit dem Schlagwort der fünf Baustellen: Straßen, Gesundheit, Schule, Arbeit und Energie (Wasser, Öl, Strom). Keine dieser Baustellen war ein Erfolg. Die großen Infrastrukturarbeiten an den Straßen sind erfolgt, aber es scheint – zumindest in Kinshasa – dass es sich um Prestigeobjekte handelt, ohne Einfluss auf das tägliche Leben der Bevölkerung. Der einzige Punkt, an dem er vorangekommen ist, das sind die Straßen – aber das betrifft nur diejenigen, die auch einen Wagen zur Verfügung haben. Es ist dem Präsidenten nicht gelungen, die Sicherheitssituation im Land zu verbessern, weder in den Städten noch in den Dörfern oder gar in den sensiblen Regionen wie im Osten. Er hat nicht die Macht über die Armee und auch nicht über seine Verwaltung.

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Der Kongo ist das Land mit dem größten Bevölkerungswachstum der Welt und der jüngsten Bevölkerung – aber er ist auch das Land mit der größten Kindersterblichkeit. Sind die Kriege der einzige Grund dafür? Schließlich ist der Kongo reich an Ressourcen und es gibt auch bedeutsame Ölvorkommen …

 

Die verschiedenen Kriege haben selbstverständlich ihren Einfluss auf die Verschlechterung der Gesundheitslage, speziell für Kinder, aber auch für die gesamte Bevölkerung. Früher kannte man das Typhus-Fieber nicht, heute leiden alle darunter, so sehr haben sich die hygienischen Bedingungen verschlechtert. Selbst in unseren Kommunitäten muss man sich regelmäßig untersuchen lassen und gegen Darmverstimmungen ankämpfen, die zum Tode führen können, wenn man nicht auf sich aufpasst. Im Osten des Landes haben die Kriege schwerwiegende Mangelernährung unter Kindern und Erwachsenen hervorgerufen. Der gesamte Lebensstandard im Kongo befindet sich seit Jahren im freien Fall - mit allen seinen Konsequenzen. Das liegt an der schlechten Verwaltung des Landes, an der Verantwortungslosigkeit seiner Leitungspersönlichkeiten, die in die eigene Tasche wirtschaften. In Kinshasa gibt es neuerdings wieder das Problem der Kinderlähmung. Eine breite Impfkampagne unter der gesamten Bevölkerung wurde in Kinshasa gestartet – Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Diese Kampagne wurde durch die Weltgesundheitsorganisation finanziert. Dazu muss man wissen, dass das Gesundheitsministerium seit Jahren keine regelmäßigen Impfungen mehr organisiert! Eine andere Epidemie trifft neuerdings wieder die Kinder: der Keuchhusten. Auch hier wurde nichts mehr unternommen. Über ein vages Nationalgefühl hinaus gibt es kaum einen Zusammenhalt im Land. Es gibt ständig ethnische Differenzen; man wird eifersüchtig und man zerstört sich gegenseitig. Das Nationalgefühl ist nur äußerlich. Wer unter den Kongolesen will sein Leben für sein Land geben? Wer will sein Leben für die Freiheit geben und für die Freiheit und den Wohlstand seiner Kinder? Niemand will sich einsetzen! Jeder kümmert sich um sein eigenes persönliches Interesse und das seiner Angehörigen; für den Rest sollen sich die anderen engagieren, ich nicht. Das gestattet den anderen Ländern und multinationalen Konzernen von dieser Wirklichkeit zu profitieren und das Land in Besitz zu nehmen.

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Fast 50 Prozent der Kongolesen gehören der Römisch-Katholischen Kirche an. Die Mission hat auf diesem Gebiet schon 1482 begonnen und wurde im 19. Jh. vertieft. Das Schulsystem war lange Zeit hauptsächlich katholisch und – nach meiner Kenntnis – ein Mittel zur Christianisierung, denn nur „Getauften“ wurde es gestattet in die Schulen zu gehen. Welche sind heute die Aufgaben der Kirche und des Glaubens im Kongo?

 

Die Hauptaufgabe ist und bleibt die Evangelisation, das heißt, Jesus Christus als denjenigen zu verkünden, der für alle Menschen gestorben und auferstanden ist. Alles andere, die gesamte Pastoral ist darauf ausgerichtet. Paulus sagte, ich will nichts anderes kennen als Jesus, und zwar den gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus. Ich denke, dass die Aufgabe der Evangelisation vordringlich bleibt, um den Glauben wirklich ins Herz des Lebens der Kongolesen einzupflanzen. Die Sekten sind eine echte Herausforderung und zeigen den Ort an, wo man ein Wort des Lebens geben muss, ein starkes Wort, das Wort Jesu. Wir müssen den Glauben im Alltag Fleisch werden lassen, damit er kein Fluchtort vor allem Elend der kongolesischen Gesellschaft wird und eine echte Auswirkung auf die alltägliche Wirklichkeit hat. Die Christen lieben Besinnungstage und Novenen, aber sie scheinen zwecklos, wenn sie nicht zu einem wahrhaftigen sozio-politischen Engagement führen. Die Gebetsgruppen haben Erfolg, aber ich finde, wir ahmen da nur die Sekten nach! Wir müssen Jesus Christus als Gestorbenen und Auferstandenen verkünden, und nicht als einen mächtigen Gott, der uns von unserem Unglück befreien wird.

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Welche Rolle spielt die Katholische Kirche im gesellschaftlichen Leben des Kongo? Wie nahm und nimmt sie am Prozess der Demokratisierung des Landes teil?

 

Die Katholische Kirche hat die Rolle eines Motors im gesellschaftlichen Leben des Kongo. Wenn es die Kirche mit all ihrer Infrastruktur im ganzen Land nicht gäbe, dann würde schon seit langem gar nichts mehr funktionieren. Es ist die Kirche, die den Wohlstand im Land gesichert hat und noch sichert. In den schlimmsten Kriegszeiten, als alles still gestanden hatte, die Banken eingeschlossen, da hat die Kirche den Geldfluss über die Bistümer gesichert. Die Kirche hat ein gewisses moralisches Gewicht; man schaut auf sie; man hört sie. Sie ist in den abgelegensten Gebieten anwesend, bei den Ärmsten im Land, und sie arbeitet für das Wohlergehen der Bevölkerung. Die Kirche vertritt keine Interessen; sie sucht nicht nach Ehre. Die Kirche ist zutiefst im Unterrichtssystem verankert, wo sie die Wahrheit zu leben versucht, die Ehrlichkeit, die Transparenz mit den Schülern und Studenten und mit den Lehrern und Dozenten. Auf der Ebene der Gesundheitsfürsorge ist sie an der Spitze der Forschung und der Hilfe für die Kranken. Besonders für die, die die meiste Not leiden. In Bezug auf ihren Platz in der Demokratisierung des Landes war die Kirche der Motor dieser Arbeit. Die Anstrengungen, um das Bewusstsein der Christen zu wecken, sie auszubilden, ihnen Mittel zu geben sich auszudrücken und sich zu verteidigen, die waren beachtenswert. Die Kirche hat einen hohen Preis für diese Sorge um die Wahrheit, die Aus- und Weiterbildung, die Gerechtigkeit bezahlt mit all den Priestern, Ordensleuten und Laien, die in den letzten Jahren im ganzen Land ermordet wurden. Und auch heute noch riskieren diese Frauen und Männer ihr Leben für die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Ehre ihrer Schwestern und Brüder. Neue Wahlen sind angekündigt worden. Die Kirche wird wieder eine große Anstrengung unternehmen, um die Menschen im Kongo in ihrer Vorbereitung auf diesen wichtigen, ja lebenswichtigen Augenblick für die Zukunft des Landes zu unterstützen. In allen Pfarreien werden Sitzungen zur Fortbildung organisiert, um die Christen so weiterzubilden.

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Für die Arnsteiner Patres sind Afrika und ihre Präsenzen in Mosambik und im Kongo nicht einfach nur ein Dienst in der Nachfolge Jesu. Zusammen mit Asien ist Afrika der Ort der jungen Berufungen. Wie viele afrikanische Mitbrüder gibt es im Augenblick, und gelingt es, die Verantwortung für die Provinz und ihre Werke vor Ort den afrikanischen Mitbrüdern zu übertragen?

 

Die Provinz Afrika vereint die Länder der Demokratischen Republik Kongo und der Republik Mosambik. Im Kongo gibt es elf kongolesische Mitbrüder, die Ewige Gelübde abgelegt haben und Priester sind. In Mosambik sind es neun kongolesische Mitbrüder und ein Mosambikaner. In der Ausbildung befinden sich elf Mitbrüder mit Gelübden, die Theologie studieren oder ein Pastoralpraktikum machen, sechs studieren Philosophie. Ein junger kongolesischer Mitbruder leitet das Noviziat in Mosambik. Die Zukunft wird langsam aber zusehends gesichert. Es bedarf einer langen Zeit, um die jungen Leute auszubilden, damit sie ihre Verantwortung übernehmen können. Die wichtigen Funktionen in der Leitung und der Ausbildung werden derzeit von Kongolesen übernommen. Das ist auch in den Werken so. Die kongolesischen Mitbrüder leiten die Werke sowohl im Kongo als auch in Mosambik: Schulen und Ausbildungszentren im Kongo, das Blindenzentrum in Mosambik.

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Neben der Ausbildung der jungen Mitbrüder engagiert sich die Ordensgemeinschaft in der schulischen und außerschulischen Ausbildung von Jugendlichen und in der Weiterbildung und Alphabetisierung der Erwachsenen. Sie arbeitet darüber hinaus in Pfarreien. Welche Projekte und Werke gibt es in diesem Augenblick in Kinshasa?

 

In Kinshasa haben wir im Augenblick eine weiterführende, berufsbezogene Schule für Literatur, Pädagogik und Wirtschaft. Die Schule wird paritätisch von den Schwestern und Brüdern gemeinsam geleitet. Im letzten September haben wir eine Grundschule eröffnet, die zweizügig ist. Wir haben auch ein Ausbildungszentrum für Jugendliche, die die Schule ohne einen Abschluss verlassen haben. Dieses Zentrum hat Ausbildungsbereiche für Schreiner, Schlosser und Maurer. Wir haben die pastorale Leitung in vier Pfarrgemeinden inne: Hl. Franz Xaver und Mama wa Boboto (Unsere Liebe Frau vom Frieden) im Stadtteil Masina; Hl. Athanasius und Hl. Damian De Veuster im Stadtteil Kimbanseke. In jeder Pfarrei gibt es ein Alphabetisierungszentrum und eine Nähschule für Mädchen. Die Hauptanstrengungen aber liegen bei der Ausbildung der jungen Mitbrüder in Philosophie und Theologie.

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Vor ein paar Jahren haben Sie die Leser des Apostels darüber informiert, dass die Pfarreien in Basisgemeinden organisiert sind, und dass sie von verantwortlichen Laien geleitet werden. Die Pfarrgemeinde muss selbst ihre Aufgaben mit ihren gewählten Vertretern gestalten, zum Beispiel in Bezug auf den Gottesdienst, die Katechese, die Weiterbildung und die Veröffentlichungen und vieles mehr.

 

Diese Option ist in Wirklichkeit schon sehr alt. 1961 – im Jahr nach der Unabhängigkeit – hat die Bischofskonferenz des Kongo pastorale Leitlinien veröffentlicht, um die Pastoral neu auszurichten, um „lebendige christliche Gemeinschaften“ zu gründen. Diese Option war mit einer anderen verbunden: eine erwachsene und gut ausgebildete Laienschaft zu entwickeln. Die Bischöfe wollten das Stadium der Kirche als reine Institution überwinden und zu einer tieferen Verwurzelung der Frohen Botschaft gelangen. 1972 hat die Bischofskonferenz erneut festgestellt, dass „das Werk der Evangelisierung dazu führen muss, lebendige christliche Gemeinschaften hervorzurufen, und dass dies das Hauptziel des pastoralen Handelns ist.“ Die Erzdiözese Kinshasa hat diese Leitlinien übernommen und in ihrer Pastoral angewendet. 1976 hat Kardinal Malula die bischöfliche Kommission der Kirchlichen Basisgemeinden gegründet. Und die Bistumssynode von 1986 bis 1988 hat entschieden, „die kirchlichen Basisgemeinden in den Mittelpunkt der gemeinsamen Pastoral im Bistum zu stellen“. Diese „Lebendigen Kirchlichen Basisgemeinden“ – CEVB nach ihrer französischen Abkürzung - bilden „in der Erzdiözese Kinshasa eine lebendige Wirklichkeit, die zur Verwurzelung und Inkulturation des Evangeliums beiträgt. Ihre Errichtung wurde von einer nachhaltigen und kohärenten Aus- und Weiterbildung begleitet. Alle drei Jahre werden die Verantwortlichen der CEVB ausgetauscht – nach Wahlen, die in den Pfarreien und den CEVB selbst vorbereitet werden. Ihre Arbeit soll die Menschen befähigen, aktiv in der Gesellschaft zu handeln im christlichen Glauben und im demokratischen Leben. Das christliche Leben erfolgt zunächst in den CEVB, denn dort sind die Familien, dort sind die Christen bekannt und sie leben dort zuerst ihr christliches Engagement. Die CEVB ist eine Gemeinschaft, die das Wort Gottes hört, die ihren Glauben feiert, die die Zeichen der Zeit liest und die sich für den Glauben engagiert und ihn bezeugt.

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Die Fragen stellte Susanna Sargenti, die Übersetzung aus dem Französischen leistete P. Ludger Widmaier sscc.

Dieses Interview ist eine Ergänzung zum Apostel 3/2011.