Kontakt  
Impressum  
Interna  
Älter werden

Das Leben kann im Alter menschlicher werden

von Pablo Fontaine sscc

 

Wenn ich über die Frage nachdenke: „Wie kann im Alter das Leben menschlicher werden?“, entdecke ich einige Aspekte, die das Leben nach dem Evangelium und in der Nachfolge Jesu freier und menschlicher machen. Ausgehend von meiner Erfahrung möchte ich folgende vier Elemente benennen: der Gebrauch der Zeit, die geringer werdende Verantwortung, die Einsamkeit und der Tod.

Wer diese Aufzählung liest ohne den Kontext zu beachten, in den sie gestellt ist, könnte meinen, dass vor allem die beiden letzten Elemente wenig attraktiv und wenig dazu angetan sind, die Freude des Evangeliums in uns aufkommen zu lassen. Ich meine, dass auch die Erfahrung von Einsamkeit und die Betrachtung des Todes uns eine gelassene Freude geben können. Ich versuche aufzuzeigen wie das gehen kann.

Ich arbeite noch ganz schön viel, aber ich gebe zu, dass ich mehr Zeit habe. Es ist eine flexible Zeit, die nicht bindet. Das ermöglicht mir Situationen und Dinge wahrzunehmen, die ich früher leicht übersehen habe. Das Gehen, zum Beispiel, war früher fast ausschließlich auf das Ziel gerichtet und nur ganz wenig auf das, was unterwegs geschah. Heute, wenn ich mich ohne große Eile aufmache, um irgendwo hinzugehen, wird auch das, was ich auf dem Weg erlebe, interessant und immer wieder überraschend: jenes Kind, das mit langen Sätzen die Böschung hinauf läuft, diese alte Frau, die mit einem müden und traurigen Gesicht eine schwere Tasche schleppt, die Vögel die mich manchmal zutraulich beäugen und manchmal scheu davon fliegen. Das alles lässt mich an Gleichnisse Jesu denken und lädt mich ein in größerer Freiheit mit ihm zu gehen. Das heißt, der Weg schenkt mir Gegenstände, die ich auf schlichte Weise betrachten kann, und die mich der Schöpfung und dem Menschen Jesus näher bringen.

Dass ich es heute weniger eilig habe kommt nicht nur daher, dass man mir keine dringend zu erledigenden Aufgaben überträgt, sondern auch und vor allem daher, dass die Beine schwer und unsicher geworden sind. Das erlaubt es mir die zu grüßen, denen ich unterwegs begegne und ein Schwätzchen mit ihnen zu halten und über meine Langsamkeit zu lachen.

Aber trotz dieser Freude über ein entspannteres Leben, bereite ich mich auf die Zeit vor, in der die größeren Einschränkungen zum Beispiel in der Bewegungsfreiheit mir zu schaffen machen werden. Dann wird es notwendig sein mit Gelassenheit anzunehmen, dass das menschliche Leben nicht nach dem Geleisteten bewertet wird, sondern dass das, was zählt, die Liebe in jedem Moment ist, auch in den Momenten der Schwäche, des Schweigens oder der scheinbaren Leere.

Und dann wird es gut sein mich zu erinnern, dass es auch in Zeiten großer Geschäftigkeit Momente der Leere gab, weil ich mehr mich selbst gesucht habe und weniger Gott und die Mitmenschen, die Geschwister.

Ich bin noch recht aktiv. Und dennoch kann ich nicht leugnen, dass ich bei weitem nicht so viel Verantwortung habe wie früher. Jetzt besteht meine Verantwortung darin zu einer Kommunität zu gehören und Teil einer Pfarrgemeinde zu sein und von ganzem Herzen mitzumachen, bei dem was zu tun ist. Nicht mehr und nicht weniger. Das kann man sicher nicht vergleichen mit jener Verantwortung in der Leitung einer Ordensgemeinschaft, in der Ausbildung junger Ordensleute, in der Leitung einer Schule oder einer Pfarrei. Verantwortung in Leitungsfunktionen liegt fast immer auf den Schultern einer Person, auch wenn es ein Team von Mitarbeitenden gibt. In meinem fortgeschrittenen Alter habe ich die Freiheit meinen Beitrag zu leisten mit Ratschlägen und Ideen ohne dabei allzu aufdringlich zu sein. Ich versuche immer die Arbeit und die Gedanken der andern zu fördern und akzeptiere, dass man meine Vorschläge nicht so ernst nimmt ohne dabei innerlich den Vorwurf aufkommen zu lassen: ihr übergeht mich. Freud und Leid der Arbeit, die in Gemeinschaft getan wird, macht mir sehr viel Freude. Es ist ein mich Einüben ins Loslassen und gleichzeitig eine Form weiterhin Verantwortung mitzutragen ohne mich dabei selbst zu überfordern und ohne dem Erfolg oder Misserfolg allzu viel Gewicht zu geben.

Selbst wenn jemand im Alter so sehr in die Gemeinschaft eingebunden ist, wie es bei mir der Fall ist, gibt es unweigerlich Momente größerer Einsamkeit. Manchmal ist es einfach, weil ich die andern nicht begleiten kann, wenn sie einen Berg hinaufsteigen, oder ich kann nicht mitgehen zu dieser oder jener Veranstaltung. Mit Sicherheit bin ich für das Nachtleben wie Einladungen zum Abendessen bei einer Familie nicht mehr zu haben. Auch die Mitarbeit am Pastoralplan in der Pfarrei mit all seinen Herausforderungen liegt mir nicht mehr so. All diese Einschränkungen sind eine Einladung meine Einsamkeit zu genießen als die Möglichkeit Gott zu begegnen, der immer da ist. Er ist immer Rast und Ruhe, Freude und Güte. Hier öffnen sich Möglichkeiten zu mehr Menschlichkeit: die Einsamkeit ist kein Übel, sie ist eine Einladung zu lieben und am Herzen Jesu auszuruhen. Sie ist eine Einladung tiefer einzudringen in den Sinn des weiteren Horizontes, der Transzendenz. Die Einsamkeit kann eine Gelegenheit sein das uns umhüllende Geheimnis Gottes zu betrachten und anzunehmen.

Wenn von weitem Trauer aufziehen will wie eine Wolke, ist es an der Zeit mit Johannes (Joh 21, 7) zu sagen: es ist der Herr. Es ist als ob ich Jesus sagen wollte: auch wenn du dich in meiner Dunkelheit versteckst, ich erkenne dich, du machst mir nichts vor, und ich weiß, dass  du kommst, weil du meine Gesellschaft suchst. Solus cum solo.

 

Und schließlich der Tod. Es ist normal, dass er in den Gedanken, dem Gebet und in den Projekten eines alten Menschen einen breiten Raum einnimmt. Manchmal zeigt er mir seine weniger angenehme Seite und verlangt von mir die liebevolle und gleichzeitig schmerzliche Annahme des gekreuzigten Jesus. Der Tod macht mein Leben menschlicher, weil er den Blick auf eine Wirklichkeit öffnet, die in unserem Alltag so oft versteckt und verdrängt wird. Bei anderen Gelegenheiten zeigt er sich von seiner attraktiven Seite, er ist das Ziel, der Beweggrund und die Fülle eines ganzen Lebens. Er macht mich auch menschlicher, weil er meinem Leben einen größeren Realismus gibt. Ich erfahre das Leben, seine Zeiten und Momente, die Pläne und die Schwierigkeiten auf andere Weise. Der Blick auf den Tod gibt mir eine gewisse Freiheit, die mir hilft die Dinge weniger dramatisch zu sehen und die Proportionen zu wahren.

Es wäre nicht gut, wenn dies mich zu einer gewissen Gleichgültigkeit führen würde oder wenn Skepsis in mir aufkäme, etwa wie beim Kohelet: „was soll´s, alles geht vorbei“ oder „dies oder jenes ist nie gelungen“. Oder zu einem jungen Menschen zu sagen: „Nicht so viel Begeisterung mein junger Freund, das alles hat doch keine Dauer“. Jüngeren Menschen kalte Duschen zu verpassen ist das schlimmste, was ein alter Mensch machen kann. Nicht nur weil das jüngeren Menschen den Mut nimmt, sondern auch weil es objektiv nicht so ist. Christen sind nicht die, die meinen alles wird zu Staub, sondern die, die glauben, dass alles zu neuem Leben berufen ist. Das ist unser Glaube an den Auferstandenen.

Unser Leben in der Nachfolge Jesu (als Ordensleute oder als Laien) kann wirklich menschlich werden, wenn wir alles Menschliche annehmen. Auch das Ende dieses Lebens und seine Wiedergewinnung in der Freude des kommenden Reiches Gottes, die im Glauben und in der Liturgie vorweggenommen wird.

La Unión, Chile; 4. Oktober 2013

Impuls

Pablo Fontaine, Jahrgang 1925, war Rektor unserer Schule im Zentrum von Santiago de Chile, Pfarrer in (politisch) schweren Zeiten in einem (politisch und sozial) schwierigen Stadtviertel im Süden der Millionenstadt, lange Jahre Novizenmeister ganzer Generationen von Ordensleuten aus allen lateinamerikanischen SSCC-Provinzen. Seit 1996 lebt und arbeitet Pablo in La Unión, wo er zur dortigen SSCC-Kommunität gehört.