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Hiltrud Bibo

Wie stehst Du dazu, dass Papst Franziskus sich auf diese Weise in die gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen einbringt und dabei klare Positionen bezieht, sowie persönliche wie politische Konsequenzen fordert?

Ich habe die Enzyklika noch nicht ganz gelesen, aber das, was ich bisher darüber gelesen habe, würde ich unterschreiben. Wie Franziskus bin ich der Meinung, dass die Regierungen in Sachen Schutz der Umwelt auf der ganzen Linie versagen und sich vom Finanzzirkus in die Ecke stellen lassen. Er ist so ziemlich der Einzige von internationaler Bedeutung, der endlich mal die Dinge beim Namen nennt. Wenn nicht er, wer dann?


Als einzelner Mensch stehe ich ziemlich hilflos dem System der Ausbeutung dieses Planeten gegenüber. Alles wird verzweckt und nach dem Geldwert beurteilt. Das Finanzsystem zwingt zu ständigem Wachstum, und durch die alltägliche Gehirnwäsche in den Medien stellen das leider viel zu wenige Menschen in Frage. Es nutzt auch wenig, wenn ich alleine meinen Lebensstil ändere – was auch gar nicht so einfach ist, wenn man tagtäglich im Hamsterrad steckt. Es braucht dringend einen Paradigmenwechsel und eine Vision einer anderen Wirtschaft, die auf das Gemeinwohl und auf Einklang mit der Schöpfung ausgerichtet ist.


Mir fehlt allerdings ein Aspekt in der Diskussion in und um die Enzyklika, und das ist der des Friedens. Meine große Befürchtung ist, dass die Umweltzerstörung und die damit zu erwartende Ressourcenknappheit schwere Konflikte verursachen werden. Es fängt ja schon an. Wir stecken schon mitten in einem „dritten Weltkrieg“: Reich gegen Arm mit Tausenden von Toten jeden Tag. Darüber wird geschwiegen, aber wir merken es hier an den massiv zunehmenden Flüchtlingszahlen. Wenn sich die Dinge weiter entwickeln wie bisher, wird es sehr schlimm und gewalttätig werden – und das nicht erst in ferner Zukunft.


Es ist also höchste Zeit, dass mal jemand Klartext redet, der die Chance hat gehört und ernst genommen zu werden. Bleibt nur zu hoffen, dass die Enzyklika nicht als hochgelobtes Papier dann doch in irgendwelchen Schubladen verschwindet, während man wieder zur Tagesordnung übergeht, sondern als wirksamer Stachel an den richtigen Stellen weiter pikst. Dazu will ich gerne meinen Teil beitragen.

Haben diese Enzyklika und ihre Handlungsaufforderungen irgendwelche Auswirkungen auf Dein persönliches Verhalten oder Dein gesellschaftliches oder politisches Engagement?

Vor allem bedeutet die Enzyklika „Laudato si‘“ erst mal ganz viel Rückenwind und Ermutigung für mich. Ich glaube ja auch nicht erst seit gestern an die Offenbarung Gottes in seiner Schöpfung und an die Geschwisterlichkeit aller Menschen untereinander und mit der Schöpfung. Ich versuche genügsam und nicht auf Kosten anderer zu leben. Es ist nicht immer so lustig sich dem allgemeinen Trend entgegen zu stemmen. Da tut es ungeheuer gut Bestätigung zu erfahren, zum einen durch die Enzyklika selbst und zum anderen durch das Gespräch mit Menschen, die sich auch durch die Enzyklika auch angesprochen und ermutigt fühlen. Es ist ein Verdienst der Enzyklika, einen anderen Blickwinkel als den Mainstream ins Gespräch zu bringen und salonfähig zu machen.


Es ist nicht so, dass ich jetzt vieles anfange oder und in Aktionismus verfalle. Eher überlege ich mir auch meine eigenen Ressourcen zu schonen. Manchmal ist weniger mehr. Ich versuche mir die Zwänge bewusst zu machen, die den Einklang mit mir selbst und der Umwelt stören, und ich suche nach Wegen meine innere Freiheit zu gewinnen. Ansonsten versuche ich das, was ich bisher schon im Umfeld der Themen Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung gerne gemacht habe - weiter zu machen und das möglichst zusammen mit netten Menschen. Dann macht das Ganze nämlich auch noch Spaß.

Hiltrud Bibo
Chemie-Ingenieurin, Geisenheim
Hiltrud Bibo