Abschied – Zwischen Trauer und Neuanfang

Statements unserer Leser*innen

Wir haben einige Leserinnen und Leser des »Apostel« gebeten, uns zu schreiben, wie sie persönlich mit Abschieden umgehen, was ihnen leicht- oder schwerfällt, und was das alles für sie mit Freiheit zu tun hat. Tag für Tag finden Sie hier neue Antworten. 

Wir laden auch Sie herzlich dazu ein: Schreiben Sie uns, wie Sie persönlich mit Abschieden umgehen. Falls Sie unserer Einladung nachkommen, teilen Sie uns bitte mit, ob Sie gegebenenfalls mit einer Veröffentlichung Ihres Statements auf unserer Website einverstanden wären.

Abschied bedeutet für mich …

„Kleine Abschiede“ - etwa am Ende eines Besuches - habe ich am liebsten kurz und herzlich. Ich ärgere mich über Situationen, bei denen im Aufbruch noch einmal ein neues Thema begonnen wird. Das hat für mich mit der Entschiedenheit zum Aufbruch zu tun: Über alles Weitere reden wir beim nächsten Mal!

 

„Größere Abschiede“, bei denen ungewiss ist, wann bzw. ob wir uns wiedersehen, begehe ich in meinem Beruf als Schulleiter regelmäßig. Hier bemühe ich mich, sie in einer wertschätzenden und stilvollen Weise vorzunehmen. Im Nachdenken über den zu verabschiedenden Menschen sehe ich oftmals neu seine besonderen Qualitäten. Immer wieder wird mir dabei bewusst, dass Abschied für beide Seiten Verlust bedeutet und zugleich auch die Chance für Neues, für weitere Entwicklungen enthält. Ein „guter Abschied“ ist nach meiner Überzeugung ganz wichtig für die Möglichkeit eines Anknüpfens.

 

Seit langem geht mir immer wieder ein Gedicht von Bertolt Brecht durch den Kopf, in dem ich mich gut wiederfinden kann:

Der abgerissene Strick kann wieder geknotet werden

Er hält wieder, aber

Er ist zerrissen.

Vielleicht begegnen wir uns wieder, aber da

Wo du mich verlassen hast

Triffst du mich nicht wieder.

Brecht hatte vermutlich die zerrissene Liebesbeziehung vor Augen; ich denke an meinen Auszug von zu Hause direkt nach dem Abitur. Das geschah ohne sachliche Not und ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter. Der Schritt war nicht ohne Zumutung für meine Familie. Ich ging ihn mit Freunden auf der Suche nach alternativen Lebensformen. Für mich war der Abschied ein wertvoller, teilweise auch schmerzlicher Aufbruch. Der Abschied war ein Schritt in die Freiheit, heraus aus Erwartungen und Festschreibungen in der Familie. Längst konnten wir den Strick wieder zusammenknoten, der Abschied freilich hat Spuren hinterlassen.

Zunehmend wichtiger ist mir der „große Abschied“, der Tod geworden. Er enthält für mich die permanente Aufforderung, jetzt zu leben und nicht das Leben, die Begegnung und auch den Genuss auf später zu verschieben.

Die Zumutungen, das Verunsichernde, die Hoffnungen und das Faszinierende des Aufbruchs finde ich in den großen biblischen Abschieds- und Aufbruchsgeschichten von Abraham, Mose oder auch den neutestamentlichen Berufungsgeschichten. Ein guter Abschied, der zu Neuem aufbrechen lässt,  braucht Vertrauen.

Die kleinen Abschiede fallen mir leicht. Zum Beispiel: Im Sommer der Abschied vom Urlaubsort an der See. Das sind ganz besondere Nachmittage, an denen ich ganz bewusst noch mal barfuß durch den Sand am Strand und in die See laufe und es genieße das Wasser zu spüren. So ein Abschied ist ein Ritual, das die Erinnerung stärkt. Und mir in den ersten Tagen nach dem Urlaub den Einstieg in den Alltag versüßt.

Die großen Abschiede sind einfach schmerzhaft. Die Trauer um Sterbende. Freundinnen, Mutter, Vater. Das sind Abschiede, die für mich durchs Teilen mit anderen erträglicher werden. Ich erinnere mich sehr gerne daran, wie meine Schwester, mein Vater und ich mit Nachbarinnen, der Pfarrsekretärin und Freundinnen um das Bett meiner Mutter standen. Sie ist in ihrem eigenen und zudem in ihrem Elternhaus gestorben. Wir haben zusammen gesungen, gebetet und von Erlebnissen mit ihr gesprochen. Das hat uns verbunden. Allerdings laufen mir auch jetzt beim Schreiben die Tränen. Verlust und Nähe lagen da so nahe beieinander. Nähe in der Liebe zu einem Menschen, der unser Leben verlässt. Ja, Nähe gehört für mich zum Abschied dazu. Und Liebe. Liebe zu etwas das nicht mehr weitergeht.

Und dann gibt es für mich noch eine dritte Sorte Abschied. Das sind Trennungen. Abschiede, weil keine Nähe mehr da war. Oder war da doch noch Nähe? Wohinter versteckte sie sich? Trennungen, die die Frage hinterlassen, ob sie gut so waren oder ein anderer Weg möglich und besser gewesen wäre. Egal ob ich es entscheide oder jemand anderes geht. Diese Abschiede mag ich gar nicht, weil sie Zweifel schüren. An mir, an den Anderen, an dem was gut und nicht gut ist - die würde ich gern abschaffen, wenn ich könnte. Weil das Gefühlswirrwarr bleibt. Das mag ich gar nicht.

Ich stelle mir vor, ich schreibe ein Buch über meine Abschiede, es würde ein dickes Buch werden.

Abschiede gehören zum Leben. Mein Leben ohne Abschiede wären eintönig, denn in vielen Abschieden steckte ein Neubeginn. Abschiede haben mein Leben bereichert. Ob Abschiede leichter oder schwerer waren, hing immer mit Menschen zusammen.

Bei meinem letzten Umzug war der Abschied vom Ort und von Menschen schon etwas traurig, das relativierte sich aber, weil Freundschaften weiter gelebt wurden, unabhängig davon, wie weit die Entfernung zum neuen Wohnort war.

Natürlich gab es auch Abschiede, die schmerzlich waren und weh taten. Der Tod von lieben Menschen. Ich habe bis zum endgültigen Abschied einen Freund begleiten dürfen. Diese Begleitung war keine Einbahnstraße, sondern hat mir selbst viel gegeben.

Abschiede

  • manchmal brechen sie über einen herein, sind selber auf den Weg gebracht oder selbst ungewollt verschuldet
  • manche lassen einen nur noch weinen, manche hingegen aufleben, aber alle sind mit einem Verlust verbunden
  • können gelingen, wenn man das, was war, weder schönredet, verklärt, dämonisiert oder verschweigt, sondern mit Güte, Milde und Erbarmen – auch gegenüber den eigenen möglichen Fehlern – betrachtet
  • können meines Erachtens besser glücken, wenn sie mit einem Ritual verbunden werden, wenn das Ritual Klage, Dank, Ohnmacht, aber auch die Bereitschaft für das Neue beinhaltet
  • können auf die Dauer zu einer Falle (krankmachend) werden, wenn es nicht gelingt, irgendwann den Blick nach vorne zu richten, die Chancen eines Neubeginns unter Umständen mit der Lupe zu suchen
  • sollte man nicht anderen überlassen („die werden das schon richten“), sondern selber gestalten, aber gleichzeitig nicht darauf verzichten, gegebenenfalls Hilfe von anderen anzunehmen oder zu erbitten
  • müssen manchmal mit einem klaren Schnitt verbunden sein – keinen Umgang mehr mit Menschen, die einen nie gut getan haben, striktes Nein zu bestimmen Orten (z.B. Spielhalle) und Genussmittel
  • sind mit Mühe und Arbeit verbunden, gehen besser mit einer Portion Humor

Abschiede sind entweder süß oder bitter – je nach Umstand. Irgendwann war mir eine Arbeitsstelle lästig geworden, vor allem wegen meines Vorgesetzten. So war der Abschied, bezogen auf etliche Kolleg*innen und anderen Menschen, größtenteils schmerzvoll, aber in der Summe gesehen durchaus befreiend. Mittlerweile ist der abgrundtiefe Groll gegenüber meinem Vorgesetzten verflogen, weil ich ihn mit Abstand besser verstehe, mir das eine oder andere in neuem Licht erscheint. Manche Stärken, die er hatte, kann ich jetzt sehen. Damals war ich fokussiert auf sein Unvermögen. Meine Würdigung im Rückblick fällt milder aus, vermutlich auch deshalb, weil ich in manchen Punkten barmherziger geworden bin.

Abschiede sind manchmal durchaus süß-sauer – je nach Umstand. Als Pastoralreferent habe ich vor einigen Jahren aktiv erlebt, wie „meine“ Pfarrei aufgelöst wurde - zugunsten einer neuen Pfarrei, die häufig als XXL-Pfarrei bezeichnet wird. Die Neustrukturierung ging auf den Bischof von Limburg zurück. Selbst stand ich vor der Frage, verweigere ich mich so gut es geht, oder gestalte ich den Prozess aktiv mit, im Rahmen meiner Möglichkeiten? Halte ich nach Chancen Ausschau, notfalls mit der Lupe suchend, die die neue Pfarrei bietet? Kann es gelingen, den inneren Schalter umzulegen in Richtung konstruktiver Mitarbeit?

Abschiede können unerwartet und plötzlich über einen hereinbrechen, aber sie sind hoffentlich gestaltbar. Ich denke an den Umstand, dass ich vor gut zehn Jahren einen Herzinfarkt erlitt und nicht verstarb – angesichts der vielen Komplikationen, die auftraten. Dass ich nach 16 Monaten Krankschreibung wieder arbeiten konnte, grenzt meines Erachtens immer noch an ein Wunder. Körperlich bin ich schnell erschöpft, aber angesichts der Freiheiten bei der Arbeitsgestaltungen in meinem Beruf als Pastoralreferent, bin ich gut daran, da ich nötige Pausen einplanen kann. Berg- oder Hügelwandern geht gar nicht mehr wirklich. Mehrstündiges Radfahren brauche ich erst gar auszuprobieren. Abends bin ich früher ermüdet. Das heißt: Vor zehn Jahren musste ich Abschied von einem gesunden und fitten Körper nehmen und schließlich anerkennen und innerlich annehmen, dass ich zu 100 Grad (nicht Prozent) schwerbehindert bin und bleiben werde. Über das, was ich früher konnte, bin ich froh. Mit dem, was ich nicht mehr kann, will ich gar nicht mehr (!) hadern. Über das, was noch geht, bin ich froh und dankbar. Schließlich bin ich mir um die menschliche Endlichkeit und Zerbrechlichkeit bewusst. Die Endlichkeit eines Menschen zeigt sich ja nicht nur darin, dass das biologische Leben mit siebzig Jahren (früher oder später) endet, sondern die Fähigkeiten, Talente und Möglichkeiten bei jedem Menschen unterschiedlich begrenzt sind. Die Kunst besteht meines Erachtens darin, mit den eigenen Endlichkeiten, die ja nix fix und starr sind, liebevoll und kreativ umzugehen. Und manchmal schließt das harte Arbeit mit sein. Um zum Beispiel meine eigene angegriffene Gesundheit stabil halten zu wollen, bleibt mir Arbeit im Schweiße meines Angesichts nicht erspart.

Abschiede, ganz unterschiedlicher Art, sind mir bisher nicht fremd. Denke ich an den plötzlichen und erwarteten Tod meines Vaters vor 40 Jahren, dann muss ich sagen, dass er damals über mich hereingebrochen ist. Tränen des Schmerzes konnte ich erst weinen, als ich mich sehr intensiv mit Tod und Trauer befassen konnte – Jahre später. Geblieben ist bei mir die mich tröstende Gewissheit, dass Gott ihn auferwecken werde - trotz und wegen seiner Art, wie er war. Je älter ich werde, umso mehr empfinde ich Dankbarkeit für so manche Eigenarten, die ich früher nicht zu schätzen wusste. Das, was mich ärgerte oder schmerzte, tritt immer mehr in Hintergrund und verliert an Gewicht. Der dankbare Blick auf das, was gut und bereichernd war, hebt das Schmerzvolle nicht komplett auf, wohl aber mindert es das Traurige.

Abschiede, ganz unterschiedlicher Art, sind mir bisher nicht fremd. Denke ich an eine Funktion, die ich über Jahre gerne beruflich ausgeübt habe, die mir aber eines Tages stil- und grundlos entzogen wurde, dann tröstet es mich immer noch, dass ich seinerzeit freundlich, aber bestimmt protestiert habe. Das Unrecht, was ich meinte erfahren zu haben, wollte und konnte ich nicht stillschweigend übergehen. Nachdem mein Vorgesetzter, sich ohne Wenn und Aber für die Art seines Vorgehens entschuldigte hatte (so etwas fiel ihm wahrlich nicht leicht), war meine Wut verflogen, wohl wissend, dass mit der Bitte um Entschuldigung nicht alles wieder gut war, denn seine Reue war nicht kennzeichnet von dem Versuch, den Schaden zu beheben. Nachdem ich die Funktion verloren hatte, wusste ich nur zu gut, dass es mir nicht erspart bleibt, mich in meinem Beruf neu zu erfinden, für das, was war, dankbar zu sein, aber die Chancen, die sich jetzt eröffnen, zu ergreifen.

 

Es gibt Abschiede von lieben Menschen. Manchmal kommen sie plötzlich, manchmal bahnt sich der Abschied über einen längeren Zeitraum an. Der Freitod meines Bruders 1982, ich war 26 Jahre alt, hat mich sehr aufgewühlt. Ich hatte lange Zeit Mühe, seinen Tod zu akzeptieren. Als meine Mutter letztes Jahr mit 87 Jahren zufrieden einschlief war ich natürlich traurig, aber ich konnte Sie gut gehen lassen. In beiden Fällen brauchte ich viele Gespräche, um das Erlebte aufzuarbeiten. Meine Frau Almuth ist mir dabei immer eine große Stütze. Mit dem Tod meiner Mutter sind allerdings auch einige Sorgen und Mühen weggefallen. Nicht mehr auf der Lauer liegen zu müssen, ob wieder ein Notfall eintritt, und die Wochenenden wieder freier gestalten zu können, empfinde ich als Befreiung.

Der Abschied von meiner langjährigen Berufstätigkeit Ende 2017 war auf jeden Fall ein starker Einschnitt. Ich empfand meine Situation zunehmend als Belastung und ohne eine Perspektive auf Besserung der Situation. Schließlich reifte in mir die Erkenntnis, dass ich etwas ändern müsste. Nachdem ich darüber Klarheit hatte, konnte ich mich auf den Abschied vorbereiten und ihn gestalten. Parallel habe ich an neuen Ideen für die „Zeit danach“ gearbeitet. Als dann die Trennung vom Arbeitgeber endlich absehbar und vorbereitet war, habe ich mich von einer großen Last befreit gefühlt. Im Blick zurück empfinde ich kaum noch Wehmut. Im Hinwirken auf die Trennung habe ich mit einer Kollegin einen Aufbruch in eine neue berufliche Existenz gewagt, was ich als sehr inspirierend und befriedigend empfinde.

Dann gibt es noch den Abschied von Gegenständen oder Andenken, die mir mal sehr lieb waren. In bestimmten Lebensabschnitte waren sie mir wichtig. Mit größerem zeitlichen Abstand und veränderten Lebenssituationen kann die Bedeutung stark abnehmen. Dann empfinde ich es als wohltuend diese Gegenstände auch entsorgen zu können. Die schöne Erinnerung bleibt dennoch bestehen.

Die meisten Abschiede in meinem Leben waren schön und traurig zugleich. Beispielsweise der Abschied von Städten in denen ich eine Zeit gelebt habe.

Als ich von Idstein nach Darmstadt gezogen bin, musste ich mich von Menschen verabschieden, die mich inspiriert und begleitet haben. Ich musste mein wunderschönes WG-Haus und meine Mitbewohnerinnen verabschieden. Die Wehmut des Abschieds mischte sich aber mit vielen positiven Gefühlen: Endlich mal in einer richtigen Stadt wohnen, nicht mehr zu meinem Freund pendeln müssen, mein Traumstudium beginnen, einen neuen Job anfangen, neue Freunde treffen … Ein Neuanfang ist immer etwas unglaublich Spannendes und setzt positive Energien frei. Das hört sich sehr spirituell an. Was ich damit meine, ist aber eine ganz einfache Erfahrung. Wenn ich etwas neu beginne, bringe ich zunächst eine große Motivation mit. Ein Neuanfang bringt frischen Wind in den Alltag und eröffnet viele neue Möglichkeiten.

Schwieriger finde ich den Abschied von einem Menschen (oder auch einem Tier). Durch den Tod eines geliebten Menschen ergibt sich nicht sofort ein spannender Neuanfang. Ich finde solche Abschiede muss man sich auch nicht schön reden. Ich halte nichts davon, in jeder schlechten Erfahrung einen Mehrwert zu suchen. Das einzige was mich über einen solchen Abschied tröstet, ist die Gemeinschaft mit der Familie und Personen, die mir nahe stehen. Das gemeinsame Tauern und das Wissen darum, dass das Leben immer weiter geht, egal in welcher Verfassung ich gerade bin. Auch wenn ich die Trauer noch lange in mir trage, mischt sie sich mit den positiven Erfahrungen, die ich tagtäglich mache.

Noch eine weitere Kategorie von Abschied sind Trennungen von Menschen, für die man sich bewusst entscheidet. Wenn man sich dazu entscheidet, sich von seinem Partner oder seiner Partnerin zu trennen, ist das immer auch schmerzhaft. Aber es gibt meist gravierende Gründe, die einen zu diesem Entschluss bewegen. Deswegen hat die Trennung von jemandem, der einem nicht gut tut, meistens sehr viel mit Freiheit zu tun. Hier mischen sich auch positive und negative Gefühle. Je nach Art der Beziehung und Trennung überwiegen die einen oder die anderen.

Ein Abschied ist für mich im ersten Moment immer etwas Schmerzliches. Man verliert einen Menschen, einen Ort oder einen Lebenszusammenhang. Am schlimmsten ist ein plötzlicher Abschied, der geschieht, ohne dass man sich mit dem Gedanken des Verlustes oder der Trennung vertraut machen kann, etwa beim Unfalltod eines Angehörigen, wie auch ich es erleben musste. Dann braucht es manchmal lange, bis man den Abschied realisiert. Zwei Dinge lindern einen Abschied: die Voraussicht, die einem eine Zeit der Vorbereitung lässt und die Vorstellung, dass dieser Abschied nicht endgültig ist. Weh‘ tut er trotzdem erst mal.

Aber ein Abschied von alt vertrautem eröffnet auch neue Perspektiven. Man wird nur offen für Neues, wenn man sich von altem verabschiedet, dass nicht mehr in die Zeit und die Lebenssituation passt. Das entwertet nicht die gemachten Erfahrungen, bewahrt aber vor einer Glorifizierung der Vergangenheit, die das Leben in Gegenwart und Zukunft erschwert. Man muss von altem Abschied nehmen, um weitergehen und weiterleben zu können! Auch beim Tod von Angehörigen kann es kein Zurück geben: zwar liebevolle Erinnerung, aber das ständige Denken, wäre er doch noch da, lähmt. Deshalb sind Abschiede manchmal notwendig, um neue Perspektiven zu haben. Man kann nicht nur bewahren wollen, wenn man die Zukunft gestalten will. Da braucht es neue Ideen, und den Abschied von liebgewonnenem. Viele Dinge und Menschen begleiten uns nur einen Teil des Weges. Das muss nicht nur traurig machen, sondern kann einen lehren, neugierig auf die nächsten Begegnungen und Erlebnisse zu sein. Wenn man gelernt hat, sich zu verabschieden, muss man keine Angst vor der Zukunft haben.

Abschiede von Menschen fallen mir sehr schwer. Ich habe erkannt, dass dies daran liegt, dass ich als Kind – ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen – oft mit Verlustängsten zurechtkommen musste. Diese sind auch heute noch tief eingegraben. Insofern sind Abschiede für mich oft sehr emotional und tränenreich. - Abschiede von Orten oder Aufgaben fallen mir nicht so schwer. Ich kann gut etwas loslassen, wenn eine neue Perspektive sichtbar ist. Da ich dazu immer Ideen habe, freue ich mich dann schon auf das Neue. Abschiednehmen ist für mich immer auch eine Sache von Stil und Kultur. Ich finde einen guten Rahmen dafür wichtig –Zeit für ehrliche Reflexion, geordnete Übergabe, Würdigung des Bisherigen, ein kleines Fest.

Neue Aufbrüche sind für mich nicht unbedingt mit Abschieden verbunden. Ich bin immer neugierig auf Neues. Aber bei Abschieden werde ich sozusagen ins kalte Wasser geworfen. Mitunter verschaffen mir Abschiede auch Freiheiten. Als ich zum Beispiel vor zehn Jahren die Leitungsaufgabe im Orden abgeben konnte, fühlte ich mich sehr befreit, obwohl das eine sehr erfüllende Aufgabe war. Aber die Entlastung bot viele neue Möglichkeiten.

Abschied: "Muss i denn, muss i denn zum Städtele naus" – Ein Volkslied, gesungen u.a. von  Elvis Presley

Abschied – von einer geliebten Frau, Abschied – mit der Sehnsucht zurückzukommen. Wo ist Elvis hingekommen, was waren die Stationen auf seinem Lebensweg? Und wo ist er schließlich gelandet?

Und wie war – wie ist es – mit mir? Was waren die Stationen auf meinem Lebensweg? Wie viele Abschiede? Wo war – wo bin – ich zuhause? Abschiede, Trennung von lieben Freunden, endgültiges Getrenntwerden durch den Tod von Menschen, die ich liebe. Tröstet mich mein christlicher Glaube an die Auferstehung und an das ewige Leben? Bleibe ich mit allen verbunden in christlicher Hoffnung?

Therese von Lisieux wusste, obwohl sie niemals ihr Heimatland verlassen hat: "Die Welt ist dein Schiff, nicht dein Heim”. Wir sind immer auf dem Weg, selbst wenn wir unsere Wohnung nicht mehr verlassen können, auf dem Weg mit vielen anderen, und wie wir Christen glauben, “wir wandern ohne Ruh, mit mancherlei Beschwerden, der Ewigen Heimat zu” (Gotteslob 505).

Können wir der Lebenserfahrung des großen Kirchenlehrers Augustinus zustimmen: “Unruhig ist unser Herz, o Gott, bis es ruhet in Dir“? Wir alle müssen am Ende Abschied nehmen von der Erde, diesem wunderschönen Planeten, uns Menschen geschenkt als unser gemeinsames Haus. Aber wir vertrauen auf Gottes Verheißung wie sie uns durch Paulus formuliert worden ist: "Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hält Gott bereit für die, die ihn lieben." (1Kor 2,9).

Allen meinen Freunden und Feinden – wenn ich welche habe – und mir selbst wünsche ich, dass wir auf auf unserem Lebensweg mit Freude Gott erleben, denn in Ihm “leben wir, bewegen wir uns und sind wir”, wie der Aostel Paulus erklärt (Apg 17,27–28). “Die Freude an Gott ist unsere Stärke” (Neh 8,2–10), Halleluja!

“Und sind wir einmal müde, dann stell ein Licht uns aus, o Herr in deiner Güte, dann finden wir nach Haus.” (GL 505)

Mein Abschied vom lieben Ich: Im Abschiednehmen bin ich nicht gut. Abschiede, die ich nicht selbst entschieden habe, mag ich selten leiden. So spontan ich oft bin, schätze ich eingespielte Abläufe, vertraute Orte und halte auch an vielen Freundschaften Jahrzehntelang fest, selbst wenn den Kontakt immer wieder ich aufnehmen muss. Gerne denke ich an frühere Zeiten zurück und wäre manchmal gerne offener für das, was vor mir liegt, für das Unbekannte, in dem jede Menge neue Chancen liegen. Insofern könnten Abschiede mehr Freiheit schenken. Um aktiver mit diesen unfreiwilligen Abschieden umzugehen, mache ich mir manchmal bewusst, dass sie „kleine Tode“ im Leben darstellen. Auf sie folgt zuweilen eine nicht erwartete Auferstehungserfahrung im Sinne von neuen, guten Begegnungen und Erlebnissen, die ohne den Abschied nicht möglich gewesen wäre. Eine Erfahrung, die befreiend wirkt und mich auf besondere Weise lebendig fühlen lässt. Auch das habe ich schon erlebt und bin dankbar dafür. Nicht alles davon hatte ich selbst in der Hand.

Und dann gibt es Abschiede, deren Notwendigkeit sich aufdrängt, um die man geradezu nicht herumkommt, wenn einen das Schicksal ereilt, älter zu werden. So habe ich mich bewusst davon verabschiedet, immer lieb zu sein. Wie viele Frauen bin ich so erzogen, immer zu lächeln, nett und genehm zu sein, mich anzupassen. Stattdessen anecken, jemandem deutlich die Meinung sagen musste ich mir mühsam aneignen. Noch immer ist es manchmal mit Herzklopfen verbunden. Immerhin riskiere ich, nicht gemocht zu werden. Aber inzwischen ist mir das nicht mehr so wichtig. Es gibt schließlich Menschen, die ich selbst auch nicht ausstehen kann. Mein Abschied vom immer lieben Ich ist ein selbstgewählter „kleiner Tod“, für den ich im besten Fall Respekt gewinne. Statt Anpassung werde ich erkennbar. Und die Erfahrung lehrt, dass mich Menschen trotzdem mögen. Sie nehmen wahr, wie ich wirklich bin, was ich denke und zu sagen habe. Wem das nicht gefällt, der muss auf jeden Fall mit mir rechnen.

Abschied und Aufbruch: Eigentlich gehören sie zusammen, wie Ende und Neuanfang, Tod und Leben. Unseren Enkelkindern lese ich wieder Märchen vor. Hans im Glück gefällt mir ausgesprochen gut. Da nimmt jemand permanent Abschied, von seiner Arbeitsstelle und von schönen Dingen. Er wirft Ballast ab. Selbst gewählte Abschiede. Aus wirtschaftlicher, kapitalistischer Sicht ist das nicht nachvollziehbar. Es ist halt ein Märchen.

Im Alter 60+ ist die Rente zu einem Hauptthema im Freundeskreis geworden. Einige sehnen sich danach, endlich den Arbeitsprozess abzuschließen. Abschied und Neubeginn mit mehr Freizeit. Doch unverhofft – der Rente schon nahe - Arbeitslosigkeit wegen Insolvenz des Betriebes. Ein ungeplanter Abschied. Das zieht einem regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Kein Abschied als gewählter, aktiver Prozess.

Abschluss und Neubeginn? Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit doch nochmals ein Neubeginn, eine neue Arbeitsstelle. Jetzt habe ich das Gefühl, ich habe es wieder in der Hand, meinen Abschied aus dem Berufsleben zu planen. Ein Abschied als aktiver Prozess. Blick nach vorne auf einen neuen Lebensabschnitt.

Es betrifft den Abschied von meiner Mutter in dem Pflegeheim, in dem sie ihre letzten Jahre verbrachte. Wie immer hat sie sich gefreut, mich zu sehen. Ihre Demenz hat an dieser Stelle nicht funktioniert. Sie erkannte mich! Wir saßen uns gegenüber und schauten uns an. Sie hatte viel zu sagen und Beschwernisse. Manchmal schlief sie beim Gespräch ein. Ich weckte sie nicht und entspannte mich ebenfalls in einer Art Halbschlaf. Als ich am letzten Sonntagabend ging, schaute ich nach unserer Abschiedszeremonie noch einmal um die Zimmerecke. Sie winkte mir mit einem fragenden Gesichtsausdruck und einer zurückhaltenden Handbewegung leise zu. Das war das letzte lebende Bild, das ich von ihr habe. Sie war einmal für mich die wichtigste Frau der Welt. Lange her und dennoch wahr. Sie ist nicht einsam verstorben, mein Bruder war bei ihr. Für mich war das der Abschied. Er schlich sich mir erst später ins Bewusstsein. Wie die Trauer auch. Sehen wir uns noch mal?

„Abschied“ ist etwas mit sehr vielen Facetten und noch mehr Möglichkeiten zur Interpretation, in diesem Sinne also immer etwas sehr persönliches. Abschied ist nicht notwendigerweise mit einem Aufbruch oder mit etwas Neuem, Bereichernden verbunden. Oftmals ist ein Abschied auch einfach nur ein Abschied und danach fehlt etwas, das man vermisst. Es kommt auch in gewissem Maße darauf an, ob man derjenige ist, der Abschied nimmt oder von dem genommen wird. Wobei auch bei Letzterem vielleicht dann Platz für etwas Neues, möglicherweise noch nicht absehbares entsteht?

Ich finde, ein gutes Beispiel für einen Abschied, in dem viele Facetten zusammen kommen, ist ein Wechsel des Wohnortes z.B nach dem Studium. Hier verabschiedet man sich von einem Ort, von Freunden, die vielleicht weiter weg ziehen und nicht zuletzt auch von einer Lebensweise als Student. Gleichzeitig beginnt aber auch ein neuer Lebensabschnitt mit unglaublich vielen neuen Herausforderungen und Möglichkeiten, persönlich, beruflich, mit anderen Menschen usw.. Nun mache ich die Erfahrung, der Abschied fällt einem zunächst leicht, weil man sehr „beschäftigt“ mit allem genannten Neuen ist und erst nach einer gewissen Zeit merkt man, das einem manche Personen fehlen, das man mit diesen zu wenig Kontakt hat. Daraus ergibt sich die Erfahrung, das man einem Abschied auch immer genügend Aufmerksamkeit schenken sollte, sich diesen bewusst machen und nicht nur beim Vorbeigehen im übertragenen Sinne „Tschüss“ sagen sollte. Und vor allem auch dass in jedem Abschied die Möglichkeit zu einem Wiedersehen liegt.

Abschied nehmen klingt aktiv, gestaltbar. Abschiede, von denen ich weiß, kann ich gut annehmen. Sie gehören zum Leben. Das sehen ich ganz nüchtern. Wenn ich dennoch unwillig einen Abschied nehmen muss, erkenne ich – oft recht viel später – dass er heilsam war. Was Altes geht zu Ende. Neues entsteht. Das Alte kann auch etwas gewesen sein, was mich im Grunde eingeengt hat. Bei manchem Neuanfang erkannte ich die Freiheit, die mir gegeben ist, da ich nicht mehr am Althergebrachten hänge.

Ein kleines Beispiel: Der Gedanke an den Abriss unseres geliebten Gemeindezentrums, das uns „Heimat“ war, schien mir unerträglich, war aber unumgänglich. Von da an gestaltete ich am Neuen mit! Jetzt erkenne ich die großartige Chance, die wir damit bekommen haben – auch für ganz neue Ideen, die es damals noch nicht gab!

Manchen Abschied allerdings kann ich in meinem Herzen nicht annehmen. Er dauert Jahre an. Ich denke an unsere junge Schwiegertochter, die an Krebs gestorben ist. Der Schmerz vergeht nicht – weil es so sinnlos war und die Erfahrung uns bleibt, wie und wo sie schmerzlich gefehlt hat! Mein letzter Trost ist mir immer die Hoffnung, dass der Schmerz heil werden wird, wenn wir uns einmal bei Gott wieder begegnen.

Ich mag Abschied nicht, er hat für mich immer Begrenzung von Fülle und Freiheit  bedeutet; gegen beides habe ich mich lange gewehrt. Mit fortschreitendem Alter hat sich das verändert. Ich erfahre zunehmend Begrenzung und Endlichkeit und habe gelernt, dass es guttut, den Umgang damit aktiv zu gestalten. „Abschiedlich leben lernen“ hat die Schriftstellerin Verena Kast das genannt. Schon das bevorstehende Urlaubsende erfordert einen bewussten Abschied von schönen Tagen, um zufrieden wieder in den Alltag zurückkehren zu können. Wenn ich das Ende bis zum letzten Tag nicht wahrhaben will, fahre ich innerlich gegen die Wand. Zwei bis drei Tage ausklingen lassen, Aktivitäten herunterfahren, den letzten Eiskaffee, den letzten Waldspaziergang  wahrnehmen und sich Zeit lassen zum Fühlen.

Den schwersten und längsten Abschied erlebe ich aktuell im Zusammensein mit meinen pflegebedürftigen Eltern. Sie verändern sich körperlich und geistig massiv. Die Menschen, wie sie mir vertraut waren, verschwinden langsam. Sie bleiben dieselben in der Erinnerung, aber ich muss sie loslassen, mich verabschieden. Sie selbst verabschieden sich von der Möglichkeit, ihr Leben aktiv zu gestalten, wie sie es immer getan haben. Das zu akzeptieren, ist für uns alle schmerzhaft. Die Situation verleitet dazu, zu verdrängen und auszuweichen. Das Ende des Lebens ins Auge zu fassen, jeden Einzelabschied als den möglicherweise letzten zu gestalten, sich Zeit und Kraft für den Abschiedsprozess zu nehmen, das führt für uns zu einer ungeahnten Fülle und Intensität des Lebens, die mich mit dem „ungeliebten“ Abschied versöhnt.

Abschiede lassen sich im Leben nicht vermeiden. Sie ereignen sich ständig – sei es der Abschied nach einem Besuch bei Freunden oder Verwandten, sei es der Abschied von einem schönen Urlaubsort.

Gut geht es mir mit einem Abschied, wenn ich ihn selbst bestimmen kann. Kein selbstbestimmter Abschied ist es, wenn ein nahestehender Mensch stirbt.

Mir hilft es vor allem, mich rechtzeitig innerlich darauf einstellen zu können Ich mag keine langen Abschiede, versuche sie kurz zu halten. Ich neige dazu, sie rasch hinter mich zu bringen. Aber ich gestalte sie. Etwa der Abschied von einem schönen Urlaubsort: nochmal auf eine Anhöhe gehen, gerne auch allein, um z. B. das Bild einer schönen Landschaft regelrecht aufzusaugen, die Geräusche und Gerüche wahrzunehmen. Ich will mich gerne daran erinnern können. Abschiede von Menschen fallen mir nicht schwer, wenn ich davon ausgehen kann, sie demnächst oder auch eine ganze Zeit später wiedersehen zu können. Anders ist es mit Menschen, von denen ich nicht weiß, ob ich sie auf Grund von Alter und Krankheit nochmals wiedersehen kann. Solche Abschiede nagen lange an und in mir. Auch hier versuche ich die letzten Augenblicke sehr bewusst zu erleben und in mir zu speichern, das Gesicht im Gedächtnis zu behalten, die Berührung mit der Hand, eine Umarmung.

Da ich gerne fotografiere, hilft mir dieses Medium, eine wertvolle Erinnerung zu bewahren – sei es eine Landschaft oder ein Mensch.

Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, jeden Abschied bewusst wahrzunehmen, ihm nicht auszuweichen, sondern durch den Schmerz „hindurch zu gehen“, ihn auszukosten. Früher wollte ich ihn nicht wahrnehmen, ausweichen. Heute ist es mir wichtig, ihn zu gestalten.

Das habe ich gelernt durch schwierige Abschiede, die ich nicht selbst „steuern“ konnte – etwa eine langwierige Erkrankung, berufliche Pläne, die scheiterten, eine Trennung. Geholfen hat mir in der jeweiligen Situation die Hoffnung, dass es „danach“ „irgendwie“ weitergehen wird. Aber ich muss „durch“ den Schmerz hindurch – wie durch ein Tor, hinter dem es eine unbekannte Welt gibt. Diese Erfahrung konnte ich mehrmals machen - mich durchflutete eine große Leichtigkeit, das hatte was von Auferstehung: ohne Karfreitag gibt es kein Ostern. Heute weiß ich: Nur wenn ich durch den Schmerz des Abschieds hindurchgehe, kann ich eine neue Freiheit erfahren.

Jeder Abschied ist für mich inzwischen ein kleines Stück Weg hin zum einen großen Abschied, der uns allen bevorsteht. Natürlich freue ich mich, wenn das noch lange hin ist!

Mehr und mehr sind mir innere Prozesse wertvoll: der Abschied von der (gefühlten) eigenen Bedeutung, von den eigenen Möglichkeiten, das Akzeptieren der eigenen Grenzen. Ich erlebe in den letzten Jahren schwere Erkrankungen mir naher Menschen, das langsame Wegdämmern. Das anzusehen ist nicht schön, aber mir ist es auch die Mahnung an das Ende meiner eigenen physischen Existenz. Mich darauf einzustellen, ist mir wichtig, gleichwohl bleibt ein nagender Schmerz. Dem will ich nicht ausweichen, sondern mich stellen. Ich bin in einem Alter, wo klar ist, dass die Nähe zum eigenen Abschied von dieser Welt näher liegt als die Ankunft. Und um mich herum bin ich seit Jahren mit – endgültigen – Abschieden konfrontiert. Und der eigene berufliche Abschied rückt in Sichtweite. Ihn gehe ich sehr bewusst an, will nicht einfach verschwinden, sondern ihn ohne Angst angehen.

Mir ist der Psalm 90 seit langem ein wertvoller Begleiter, auch zum Thema Abschied:

„Unser Leben währt 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es 80. (…) Unsere Tage zu zählen lehre uns, dann gewinnen wir ein weises Herz.“

Abschiede gehören zum Leben. Ich stelle mich ihnen, wenn sie notwendig oder unvermeidlich geworden sind, nicht entgegen, sondern nehme sie in Mut, Zuversicht und im Vertrauen auf meine von Gott begleitete Zukunft an. Diese Annahme fällt mir nicht leicht, denn ich weiß, dass die Lücke, die mancher Abschied in mein Leben reißt, sich nicht schließen wird. Aber gerade in deren Annahme liegt für mich die Kraft, Neues zu entdecken und im Vertrauen auf Gott das Künftige zu gestalten.

Jeder Aufbruch ist für mich mit einem Abschied verbunden, denn wenn ich mich für etwas entscheide, verschließen sich Möglichkeiten, die sich mir ergeben könnten. Deshalb empfinde ich jeden Aufbruch nicht nur als Aufbrechen eines Neuen, sondern auch als „Bruch“ mit dem, was nicht mehr möglich sein wird. Aber diese Befähigung des Brechen-Könnens ist die mir von Gott gegebene Freiheit, die mich begleitet, herausfordert und in Verantwortung mit ihm verbindet.

"Abschiedlich leben" ist eine ungewöhnliche Formulierung, die ich mir ab und zu in Erinnerung rufe.

Diese Formulierung bringt für mich auf den Punkt: Wir können nichts festhalten, vieles geht (im Laufe eines Lebens), irgendwann dann einmal alles (am Ende des Lebens)!

"Abschiedlich leben" ist für mich eine wichtige Haltung für ein gelingendes Leben: gehen lassen können und gehen können; Abschied zulassen und Abschied nehmen können, machen für mich "Lebensreife" aus.

Abschiedsschmerz – Erinnerungen aus der Kindheit: Wenn ich nach den Ferien von zu Hause wieder ins Internat fuhr, war für mich der Abschied immer wieder schmerzhaft. Ich war gern im Internat. Dort waren meine Schulkameraden, mit denen ich mich gut verstand und mit denen ich gern zusammen war. Dennoch: Jeder Abschied von meinen Eltern und meiner Schwester, fünf mal im Jahr zurück ins Internat, tat weh. Ich hatte immer wieder schmerzliches Heimweh. Deshalb gehören Abschied und Heimweh für mich seit meiner Kindheit bis heute eng zusammen. Als inzwischen siebzigjähriger Opa aber weiß ich auch, dass ich diese Empfindungen, die in mir bei Abschieden ausgelöst werden, nicht missen möchte, weil ich glaube, dass sie mich haben reifer werden lassen. Auch zeigen diese Gefühle mir wie wichtig und wertvoll die Beziehung zu den Menschen ist, von denen ich mich verabschiede.

Abschied nach 20-jähriger Tätigkeit als Gemeindereferentin in der Pfarrgemeinde St. Joseph, Bottrop: Dieser Abschied war geplant und kam doch anders. Ich hatte mich entschieden, in Altersteilzeit zu gehen. Die Gemeinde habe ich persönlich davon unterrichtet, dass ich in drei Jahren mit meinem aktiven Dienst aufhören werde. Bei der Weitergabe dieser Information ging es mir gut und es fühlte sich richtig an. Ich freute mich schon auf diese Zeit nach dem aktiven Arbeitsleben. Es gab viele Gespräche und es kam immer wieder die Nachfrage, ob ich es mir nicht doch noch einmal überlegen kann. Durch diese vielen Gespräche, aber auch durch die Umstrukturierung der Pfarrgemeinden im Bistum Essen und aus Sorge vor einem zu großen ehrenamtlichen Einsatz in meiner Heimatgemeinde, habe ich meinen Entschluss plötzlich angezweifelt und mich nach einem dreiviertel Jahr entschieden, bis zu meinem Renteneintrittsalter voll berufstätig zu bleiben. Da ich aber meinen Weggang bereits angekündigt und damit meinen Abschied schon eingeleitet hatte, habe ich für mich überlegt, dass es nicht gut sei, in dieser Pfarrgemeinde tätig zu bleiben, auch wenn ich mir hätte vorstellen können, dort weiterzuarbeiten. Ich hatte mit vielen Gruppen schon überlegt, wie kann es weitergehen, wenn ich nicht zur Verfügung stehe. So lag es nahe, dass nach zwanzig Jahren in der Pfarrgemeinde, das Bistum Essen die Chance nutzte, mich für die letzten 6 ½ Dienstjahr in eine andere Pfarrgemeinde zu versetzen.

Ich habe mit der ganzen Gemeinde zum Abschied eine sehr schöne und vielseitig gestaltete Dankmesse gefeiert. Es waren alle Gruppierungen vertreten, mit denen ich im Gemeindeleben unterwegs war. Jede Gruppierung hat im Gottesdienst ein Element übernommen und es gestaltet. Selbst der Organist, mit dem ich in der Gemeinde mein Berufsleben gestartet habe, hat sofort von sich aus gesagt, dass er die Orgel spielen und der Kirchenchor singen wird. Ich durfte mir etwas wünschen.

Der Verwaltungsleiter hat die Verantwortung für den anschließenden Empfang im Pfarrsaal übernommen. Ich war sehr überwältigt von den vielen Aktivitäten, die Eigentlich den Abschied zunächst nicht leichter gemacht haben. Es war eine sehr feierliche Messe in einer übervollen Kirche (sie war so voll wie Heilig Abend) und es war eine sehr gute Stimmung in der Gottesdienstgemeinde. Diese Dank- und Abschiedsmesse habe ich immer noch in guter Erinnerung (so als wäre sie erst gestern gewesen). Ich weiß, dass das ein sehr einmaliges Ereignis war, von dem ich immer noch zehre.

Da ich mich auf den neuen Einsatzort in der neuen Pfarrgemeinde einlassen wollte, habe ich die Gemeinde gebeten, mich wenigstens ein halbes Jahr in Ruhe zu lassen. Bis auf eine Frau haben es alle geschafft und ich bin froh und dankbar darüber gewesen. Ich glaube, ich wäre sonst zwischen der alten und der neuen Gemeinde immer hin- und hergerissen gewesen. So konnte ich meinen Neubeginn mit aller mir zur Verfügung stehenden Zeit beginnen.

Bei diesem Neubeginn war es nun anders als bei meinem ersten Einsatzort. Ich wusste, dass ich hier nur noch 6 ½ Jahre hauptberuflich meinen Dienst ausüben werde.

Dann beginnt meine neue Lebensabschnittsphase als Rentnerin.      

Für mich sind Abschiede Voraussetzung für neue Aufbrüche und gehen einher mit einer neuen zur Verfügung stehenden Freiheit. Egal, ob ich auf meine Schul- und Ausbildungszeit schaue. Die eine Schule ist zu Ende, damit die nächste besucht werden kann. Das Studium ist abgeschlossen und man nimmt Abschied von der Universität, um in den Referendardienst zu gehen. Nach dem Referendardienst gab es keine Anstellung und so habe ich Abschied auch noch nehmen müssen von meinem Wunschberuf „Lehrerin“. Ich habe eine gute Alternative gefunden: in einem Kinderheim als Verwaltungsleiterin und stellvertretende pädagogische Leiterin zu arbeiten. Auch hier musste ich Abschied nehmen, da im sozialen Bereich viele Gelder gestrichen worden sind, neue Konzepte entworfen und unser Kinderheim geschlossen worden ist. So habe ich eine weitere Ausbildung absolviert, um den Beruf als Gemeindereferentin zu ergreifen. Ich kann rückblickend immer wieder nur sagen, es fügte sich eines in das andere. Alle Ausbildungen kamen mir immer wieder zugute und ich bereue meinen beruflichen Weg nicht. Es gab mit jedem Wechsel immer wieder neue Motivationsschübe.

Ich glaube, wenn ich meinen ersten Vertrag, den ich mit sechzehn Jahren unterschrieben habe und der bis zu meinem 65. Lebensjahr ausgestellt war, arbeitsmäßig so zu Ende geführt hätte ohne die Abschiede und Neubeginne, hätte ich nicht so ein sehr abwechslungsreiches Leben führen können.

Der Abschied von Kloster Arnstein war für mich abzusehen und somit ein langer Abschiedsprozess:

Abschied vom Pilgerzug – Neubeginn mit weniger Wallfahrtsterminen mit Bussen, Aufbau der Jugendwallfahrt – Abschied von der Jugendwallfahrt, weil die Jugendlichen nicht mehr da waren.

Große Gruppe der Arnsteiner Patres sowie Postulanten und Novizen – heute nur noch eine ganz kleine und alte Gruppe der Brüder; früher Teilnahme an ewiger Profess, Priesterweihe -  heute: Jubiläen und Beerdigungen. Als Arnsteingemeinschaft haben wir zum letzten Mal in diesem Jahr unser Pfingsttreffen auf Kloster Arnstein gefeiert. Im kommenden Jahr möchten wir an einem anderen Ort diesen gemeinsamen Weg weitergehen. Ich glaube, in diesem Fall gibt es neue Chancen. Der Ort ist zwar nicht das gewohnte Kloster Arnstein, aber vielleicht ist es der nächste Schritt, den wir aufgrund unseres Alters sowieso hätten überlegen müssen: Was verbindet mich mit Kloster Arnstein und dann einzuüben, was kann ich bewahren und an einen anderen Ort mitnehmen.

Viele Teilnehmer sind inzwischen älter geworden und es war mit der bisherigen Unterkunft in der Jugendbegegnungsstätte nicht mehr ganz so einfach wie früher für viele. Hier hätte sich meiner Meinung nach sowieso langfristig eine Veränderung ergeben.

Ich glaube, wenn man an eine Überforderung kommt, egal in welchem Bereich, muss es einen Abschied und einen Neuanfang geben. Mit Überforderung meine ich, z.B. die Frage der Übernachtung für die zunehmend älter werdende Arnsteingemeinschaft.

Nach zwanzig Jahren als Gemeindereferentin in einer Pfarrgemeinde gibt es kein Privatleben mehr und somit auch nicht den notwendigen gesunden Ausgleich.

Prinzipiell hängt es für mich immer davon ab, von wem oder was ich Abschied nehmen muss. Mal fällt es schwer, mal vermeide ich ihn, zögere ihn raus oder aber es ist ganz einfach.

In den letzten Monaten musste ich jedoch ungefragt, ohne entscheiden zu können, Abschied nehmen. Meine Mutter starb, nicht unerwartet, aber doch plötzlich, mein Vater, der mit seinen 90 Jahren bis dahin noch sehr lebendig war, wurde von heute auf morgen schwer krank.  Er hat sich inzwischen einigermaßen erholt, aber kann nicht mehr alleine leben, lebt in einem Seniorenstift. Ich musste Abschied nehmen von meinen Eltern – am schwersten fällt mir dabei der Abschied von dem Vater, der immer sehr wichtig war für mich, aber auch oft Druck auf mich ausgeübt hat; nun ein alter Mann, der seine Lebendigkeit verloren hat. Die Rollen haben sich verkehrt – jetzt bin ich diejenige, die entscheidet. Das fällt mir sehr schwer. Mir wird auch bewusst, dass meine Zeit begrenzt ist und läuft. Ich spüre, dieser Abschied, wenn ich ihn, denn richtig zulasse, kann für mich ein Weg sein, mich noch einmal mit den Eltern und mein Verhältnis zu ihnen auseinanderzusetzen. Dann ist es ein Aufbruch in eine neue Freiheit, frei von Altem, frei von dem, was mich hindert, mir näher zu kommen. Ob es gelingt, weiß ich noch nicht, ich bin noch mitten im Abschied nehmen.

 

Mit meinem  Ehemann bin ich schon seit Jahrzehnten mit Begeisterung in den verschiedenen Bergwelten unserer Erde unterwegs. Da sind dann auch schon mal recht anspruchsvolle Gletscher- und Klettertouren oder Gipfelbesteigungen in einer Höhe über 5000 oder 6000 Metern  drin.

Hier nun braucht es die Erfahrung von geschulten Bergführen, die mich leiten, die mir in aller Früh - noch bei Nacht - am Seil voran gehen oder voraus klettern. Die mir einiges zumuten und zugleich zutrauen, die mich gegebenenfalls auch mal wieder einfangen (so geschehen, als ich auf einem steileren Schneefeld „abfuhr“, ausrutschte und so einiges an Fahrt aufnahm) und so vor Schlimmerem bewahren. Und so gilt es, bei jeder Tour eine gute Portion Vertrauen in die Seilschaft, in den Bergführer zu setzen. Man wächst zusammen, lernt die eigenen Schwächen und Stärken kennen, lernt sie zu teilen. Die Emotionen am Berg können gewaltig sein…

Wenn dann nach mehreren Tagen des Bergsteigens unweigerlich das Ende der gemeinsamen Tour naht, stehen mir beim Abschied oftmals die Tränen in den Augen  und das Sprechen fällt schwer. Eine herzliche Umarmung, ein großes Dankeschön und das Wissen um ein Nie-mehr-Wiedersehen mit Sergio, Hermann, Bruno, Choco, Rafael, Dixon, Pedro, Kumsang…

Zugleich aber das Wissen, dass die Berge mich wieder einiges gelehrt haben. Mithilfe der Bergführer habe ich weiteres Mal erfahren dürfen, wie groß und weit doch unsere Erde ist, welch tolle Bilder und Blicke sich in Gottes reicher Schöpfung  auftun (vorausgesetzt, die Sicht stimmt), zu welchen Anstrengungen mein Körper und Geist fähig sind. Ist man von den majestätischen Höhen wieder in die alltäglichen Täler hinabgestiegen, hilft all‘ das den Alltag, das Berufsleben neu anzugehen und zu meistern. Und sich immer wieder an die Menschen zu erinnern, die mit geholfen haben, diese wunderbaren und manches Mal auch grenzüberschreitenden Erfahrungen gemacht haben  zu können.

Abschied und Aufbruch also zugleich!

Die meisten Stellenwechsel waren für mich nicht planbar. Wahlämter und Ernennungen kamen meistens überraschend. Nur einmal habe ich einen Abschied "vermieden", weil das Amt, das mir übertragen werden sollte, aufgrund der Ziele und Inhalte, für die ich stehen sollte, nicht mit meiner Person zu vereinbaren waren. Die Abschiede habe ich bisher nicht selbst planen müssen. Sie wurden von Mitbrüdern, Kolleginnen und Kollegen oder Freundinnen und Freunden gestaltet. Ich erinnere mich an alle diese Abschiede in Werne, Rom oder Münster gerne. Sie ließen Raum für mein lachendes und mein weinendes Auge, mit denen ich mich bisher überall verabschiedet habe.

Bisher habe ich zwischen drei und zehn Jahren auf der selben Stelle meinen Dienst ausgeübt. Für mich ist jeder Wechsel eine gute Erfahrung gewesen. Die Wechsel haben mich davor bewahrt zu sagen, dass es doch immer schon so war. Ich habe neue Menschen, neue Situationen und neue Blicke auf die Wirklichkeit kennen gelernt. Außerdem haben mich Wechsel von falschen Bindungen bewahrt. Ich konnte immer wieder leben, was das Wort des heiligen Paulus im 3. Kapitel seines Briefes an die Gemeinde in Philippi bedeutet: "Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist." Dabei habe ich Freundinnen und Freunde, die über alle Entfernungen und Umzüge hinweg teilweise dreißig Jahre lang die Beziehung mit mir pflegen. Sie erinnern mich daran, wie treu Gott ist, den ich an allen Orten, an denen ich bisher gewesen bin, angetroffen habe.

Wie gehe ich mit Abschieden um? Das kann ich nicht pauschal beantworten; dafür sind Abschiede viel zu verschieden.

Nehmen wir den Abschied von einem verstorbenen Verwandten oder engen Freund. Da herrscht Trauer über den Verlust, sonst erst mal nichts. Später mag so etwas wie Trost und dankbare Erinnerung hinzukommen; man muss weiterleben, ohne in der Trauer zu verharren – aber es wäre nur peinlich, hier von „Aufbruch“ zu sprechen.

Etwas anderes ist der Abschied von einem biografischen Umweg oder Irrweg. Nach meinem Studium (Theologie/Politikwissenschaft) dachte ich zuerst, damit könnte ich ja Lehrer werden. Das Referendariat in Gymnasium machte mir aber bestürzend klar: Das kannst du nicht; eine pädagogische Autorität gegenüber Pubertierenden zu sein, das schaffst du nicht. Ein schmerzlicher Abschied von einem Lebensplan, auch von Illusionen über mich selbst. Aber der konsequente Abschied war der Preis für einen neuen Aufbruch zu einem neuen Arbeitsfeld in Erwachsenenbildung und Beratung.

Schließlich gibt es Abschiede, die Entlastung schaffen, auch manche Erleichterung, aber keinen neuen Aufbruch. So habe ich meinen beruflichen Abschied vor sieben Jahren empfunden. Manche lästigen Pflichten fielen weg, aber auch manche Kontakte und manche öffentliche Resonanz. „Aufbruch“ wäre hier das falsche Wort; was anstand, war ein heiteres Akzeptieren von Grenzen der eigenen Bedeutung und Wirksamkeit. Ein Abschied, der leise, aber bestimmt in Erinnerung bringt, was wir in aktiven Jahren manchmal verdrängen: die eigene Endlichkeit.

 Abschiede waren und sind ein fester Bestandteil von meinem Leben. Allein in meiner «Kindheit» habe ich an vier verschiedenen Orte gelebt und habe fünf verschiedene Schulen besucht. Seit meinem Ordenseintritt bei den Franziskanern habe ich dann an 15 verschiedenen Orte gelebt. Dieser Ortswechsel bedeutet nicht nur ein jeweiliger Abschied von Orte sondern vor allem von Menschen, da ja pastorale und soziale Arbeit vorwiegend aus menschlichen Beziehungen besteht. Freilich haben sich die Abschiede unterschiedlich gestaltet, je nach dem wir lange ich an einem Ort gelebt habe und wie intensiv die Beziehungen waren. Im allgemeinen jedoch habe ich die Abschiede sehr bewusst gestaltet und erlebt. Rückblickend kann ich sagen, dass mich in jüngeren Jahren Abschiede gefühlsmäßig stärker mitgenommen haben.

Fast immer war für mich der Abschied verbunden mit Aufbruch zu Neuem. Dieser Blick auf das Neue hat mir geholfen, die «Trauer» des Abschieds zu überwinden. Dabei war mir vor allem auch in den späteren Jahren bewusst, nicht nur dass ich ja das Neue nicht beginnen könnte ohne das Alte loszulassen, sondern dass ich auch das, was ich nun loslassen muss, nur erlebt habe, weil ich zuvor anderes losließ.

Ein großer Abschied, den ich auch ganz bewusst und einschneidend erlebt habe, war der Wechsel meines Arbeits- und Lebensmittelpunktes von Frankfurt nach Genf. In Frankfurt habe ich fast 20 Jahre in einer Gemeinschaft und in einem sozialen Gefüge mit unzähligen Freundschaften, Nachbarn, Bekannten und vielen Arbeitsgruppen gelebt. Dieses Leben durfte ich wesentlich mit aufbauen und gestalten. Es war die Verwirklichung meines Lebenstraumes, oder in den Worten von Franziskus: «Das ist es, was ich will». Davon Abschied zu nehmen, hatte für mich zwei Dimensionen: zum einen «Dankbarkeit» für das Gewesene und Erlebte, und zum anderen im Vertrauen und in Offenheit zugehen auf das Neue. Oft wurde ich gefragt, ob ich denn nicht Frankfurt und meine Freunde dort vermisse. Um ehrlich zu sein, ich vermisse weder die Zeit in Frankfurt noch sonst etwas. Aber ich lebe aus dem, was mir in diesen Beziehungen geschenkt wurde. Umgekehrt, durfte ich erfahren, dass viele meiner Freundinnen und Freunde in Frankfurt den Abschied ähnlich wahrgenommen haben. In Worte ausgedrückt wurde es von einem Mädchen: Wenn du glücklich bist, dann bin ich es auch.

Der andere große Abschied, war der Tod meiner Eltern. Beide sind in hohem Alter von über 90 Jahren gestorben. Bei aller Trauer blieb in mir nur das Gefühl der tiefen Dankbarkeit.

Um es kurz zu sagen: Ich versuche ganz bewusst in der Gegenwart zu leben – dankbar für das Gewesene und im Vertrauen auf das, was kommt.

Es gibt so viele verschiedene Abschiede: im täglichen Alltag von Familie, Freund*innen und Kolleg*nnen. Die laufen eher nebenbei: „Tschüss, bis morgen, mach´s gut, schönen Abend ...“  Einige Male ist es mir passiert, dass ein Mensch nach einem solchen Nebenbei-Abschied nie mehr wiederkam, verstarb. Dann denke ich: Ich sollte bei jedem Abschied innehalten, dem Gegenüber und mir selber einen „Augenblick“ der Wahrnehmung und Würdigung gönnen.

Die großen „Abschiede“ wie der Auszug der Kinder, ein Stellenwechsel, eine Trennung, das Sterben eines Menschen ... beginnen für mich oft sehr lange vor dem „offiziellen“ Abschiedstermin. Innerlich gehen sie bei mir einher mit Gefühlen wie Trauer, Angst, Sorge, einem Gefühl von Schicksalhaftigkeit: „So ist das Leben“. Zugleich liegt in den Zeiten solcher großen Abschiede auch der tiefe Wunsch nach dem Ende einer unguten, Kraft raubenden Situation und die Überzeugung, dass nur das Ende erlösend ist oder einen Neuanfang bringt. Hilfreich bei großen Abschieden sind mir das Innehalten im Gebet, gemeinsame Zeit fürs Erzählen und Zuhören zurück und voraus, schweigen und hören, Gottvertrauen.

Um Neues zu beginnen, braucht es den Punkt des Abschiednehmens von Altem. In der seelsorgerischen Begleitung habe ich oft erlebt, wie wichtig es ist, dass Menschen einander loslassen können. Dazu helfen Rituale, Gespräche, Zeiten der Ruhe und Besinnung - aber auch das Gehen im wahrsten Sinne des Wortes: Bewegung, frische Luft, Wind auf der Haut, Spaziergänge mit einer Freundin, Aus-Geh-Zeit.

Freiheit ist dann ein Motor, wenn es um die Befreiung aus Situationen oder Beziehungen geht, die mir den Atem nehmen. Insofern spielt Freiheit beim Abschied oft eine große Rolle.

Als ich mich von meinem Mann getrennt habe, war das so anstrengend, dass ich nicht mehr in der Lage wahr, für meine Arbeit als Pfarrerin die sonntägliche Predigt wohl vorbereitet aufs Papier zu bringen. Mein Kopf war besetzt und zugleich leer. Die Kraft reichte zum Lesen des Bibeltextes, zum Innehalten „Was sagt mir das jetzt? Was ist daran für andere spannend? Was ist Gottes Wort?“  Mit diesen Fragen predigte ich vom leeren Blatt. - Und es waren gute Predigten. Also: Abschiede sind auch so etwas wie der Mut zum freien Flug. Und wie sagte Reinhard Mey: „Fliegen kannst du nur gegen den Wind!“

Wenn es eine Freundin oder einen Freund wegzieht oder sie/er für längere Zeit ins Ausland geht, dann versuche ich im Vorhinein viel Zeit mit der Person zu verbringen und möglichst Termine und Pläne zu machen, für ein baldiges Wiedersehen. Dann fällt der Abschied nicht so schwer, weil man weiß, dass man sich bald wieder sieht! Wenn man allerdings kein weiteres Treffen planen kann, oder es vielleicht Jahre sind, bis man wieder die Möglichkeit dazu hat, dann würde ich immer versuchen, möglichst Kontakt über Briefe, Mails, SMS, Telefonate zu halten. (...)

Wenn es um den Abschied aus einer gewohnten Umgebung geht, dann versuche ich im Vorhinein auch möglichst viele positive Erinnerungen zu sammeln! Aber ich würde einem Abschied nicht aus dem Weg gehen wollen, sondern lieber jeden Moment (...) auskosten.

Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich Abschied nehmen muss, um etwas Neues machen zu können. Die Menschen, mit denen ich mich umgebe, unterstützen mich und lassen mir die Freiheit mich selbst so zu entfalten, wie ich es möchte! Ich würde nie denken, dass ich nicht frei sein kann, sondern dafür erst Abschied nehmen muss, von Menschen, die mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin! Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich mir die Menschen in meinem Leben frei ausgesucht habe und mich nicht an Personen binde, die mich nicht so lieben wie ich bin.