Ein Blick auf die aktuelle Realität Mosambiks

Interview mit Pater Davide Caisse

1. Wie ist die aktuelle Situation in Mosambik? Kann man sagen, dass im Land Frieden herrscht?

Pater Davide: Die aktuelle Situation in Mosambik ist in den Augen der Mehrheit der mosambikanischen Bevölkerung aufgrund der häufigen Terroranschläge, die viele Todesopfer fordern und Hunger und Elend verursachen, sehr schwierig. Es handelt sich um eine komplexe und herausfordernde Situation, in der mehrere Faktoren zur Instabilität in den verschiedenen Regionen des Landes beitragen. Obwohl Kämpfe und Terror im Norden Mosambiks existieren, sieht die Realität in der Mitte und im Süden des Landes anders aus: Dort gibt es relative Stabilität und Fortschritt. Allerdings gehen der Kampf um Entwicklung und ein Ende des Terrors sowie andere Kämpfe z. B. gegen die Korruption weiter. Daher kann nicht wirklich gesagt werden, dass in Mosambik Frieden herrscht.

2. Ist die Gewalt im Norden des Landes unter Kontrolle? Sind die Gebiete, in denen einst Al-Shabab-Kämpfer herrschten, nun „befriedet“? Wie ist das Verhältnis zwischen Vertriebenen und Soldaten vor Ort?

Pater Davide: Die Gewalt im Norden des Landes ist nicht unter Kontrolle, da es weiterhin zu Anschlägen der Terroristen kommt. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt in Angst und großer Unsicherheit. Die Gebiete, die von Al-Shabab-Kämpfern regiert wurden, können nicht endgültig befriedet werden, weil die Terroristen erneut angreifen, wann immer sie Lust dazu haben. Das heißt, sie beherrschen letztendlich das gesamte Gebiet, und in letzter Zeit scheint es, dass die Terroristen vor niemandem Angst haben, weder vor den örtlichen Behörden noch vor den militärischen Streitkräften.

3. Wie würden Sie heute das Verhältnis zwischen der FRELIMO-Regierung und der RENAMO-Opposition beschreiben? Hat sich nach dem letzten Friedensabkommen 2019 etwas verbessert?

Pater Davide: Es hat sich fast nichts verbessert, weil die FRELIMO-Regierung sich nicht an das Maputo-Abkommen von 2019 hält. RENAMO hat alle Stützpunkte deaktiviert und angeblich alle Waffen übergeben, damit Frieden im Land herrschen kann. Was uns jetzt allerdings auffällt, ist eine fehlende Kontrolle auf der Seite der FRELIMO-Regierung, da sie wissen, dass sie es mit einer unbewaffneten und ungeschützten Opposition zu tun haben - anders als zu der Zeit, als RENAMO Stützpunkte und Waffen hatte und ihr Anführer Afonso Dlakama noch lebte.

4. Was sollte man über die Geschichte Mosambiks wissen, um die aktuelle Situation des Landes einordnen zu können?

Pater Davide: Mosambik war mehr als vier Jahrhunderte lang eine portugiesische Kolonie, was tiefgreifende negative Auswirkungen auf das soziale, wirtschaftliche und politische Gefüge hatte. Der Befreiungskampf war von bewaffneten Konflikten, Volksmobilisierung und internationaler Unterstützung geprägt und gipfelte 1975 in der Unabhängigkeit. Nach der Unabhängigkeit herrschte in Mosambik ein 16 Jahre dauernder Bürgerkrieg zwischen der FRELIMO-Regierung und RENAMO. Das Verständnis dieser historischen Ereignisse ermöglicht eine tiefergehende Analyse der aktuellen Situation Mosambiks, einschließlich der Herausforderungen wie interne Konflikte, schleppende wirtschaftliche Entwicklung, Probleme in der Regierungsführung und soziale Probleme. Eine wichtige Lektion, die man daraus lernen sollte, ist: Mosambik kommt wegen des Kriegs in seiner Entwicklung nicht voran, weshalb die Regierung alles tun sollte, um Situationen zu verhindern, die zu einem Krieg führen könnten.

5. Warum ist die Sicherheitslage in Mosambik oft so fragil? Warum bricht sie immer wieder zusammen, und es kommt wieder zu Gewalt?

Pater Davide: Die Sicherheitslage in Mosambik ist aus mehreren miteinander verbundenen Gründen oft fragil:

a) Wirtschaftliche Ungleichheit – Südmosambik ist weiter entwickelt und privilegierter als das Zentrum und der Norden Mosambiks.

b) Präsenz bewaffneter Gruppen und Extremismus – mit westlicher Mitschuld vor allem von Frankreich und den Vereinigten Staaten von Amerika.

c) Korruption und schlechte Regierungsführung sind eine große politische Wunde in Mosambik.

6. Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage des Landes? Welche Rolle spielen die wirtschaftlichen Interessen internationaler Akteure in Mosambik?

Pater Davide: Die wirtschaftliche Situation des Landes ist eine der schlechtesten weltweit - obwohl das Land über so viele Bodenschätze verfügt. Das Problem, neben der Gewalt im Land, sind hohe Lebenshaltungskosten und zu niedrige Gehälter. Außerdem kommt es oft zu Verzögerungen bei den Gehaltszahlungen, und die Korruptionsrate steigt. Die Rolle internationaler Akteure ist dabei sehr bedauerlich. Es gibt viele Gelder, die in das Land fließen, aber nicht bei den vorgesehenen Empfängern ankommen, sondern in den Taschen der Regierung landen. Das deutet darauf hin, dass es der Regierung nicht wirklich um das Wohlergehen der Bevölkerung geht. Dazu kommt, dass internationale Akteure zwar viel Geld nach Mosambik senden, aber dafür auch mit Milliarden von Dollar an Bodenschätzen, Holz und anderen Gütern in ihre Länder zurückkehren. Seitdem Mosambik Unterstützung von außen erhält, war es nie finanziell unabhängig. Daher muss hinterfragt werden, ob sich diese Unterstützung wirklich lohnt. Man muss sich fragen: Helfen diejenigen, die glauben, Mosambik zu helfen, wirklich, oder halten sie das Land als Geisel? Es lohnt sich zu fragen: Wie lange wird Mosambik in Abhängigkeit von internationalen Akteuren stehen?

7. Kann Hilfe „von außen“ zur Stabilisierung des Landes beitragen? Was können die Menschen im Land tun, um ein nachhaltiges und angemessenes Leben in Frieden und Sicherheit zu führen?

Pater Davide: Ich stelle diese „von außen“ geleistete Hilfe wirklich infrage, denn es scheint mir, dass die vermeintlichen Geber mit mehr Ressourcen in ihre Länder zurückkehren, als sie angeblich spenden oder Mosambik helfen. Angesichts des Krieges in Cabo Delgado ist es nicht falsch zu glauben, dass die Verursacher des Ganzen diese vermeintlichen Geldgeber sind, da dort große Ölvorkommen entdeckt wurden. Die vermeintlichen Helfer verschließen die Augen vor dem Leid des mosambikanischen Volks, provozieren Krieg und beuten gleichzeitig den Reichtum des Landes aus. Damit das mosambikanische Volk ein nachhaltiges, friedliches und sicheres Leben führen kann, muss das Volk zunächst zusammenstehen, um das FRELIMO-Regime zu stürzen. Die Menschen müssen sich darüber im Klaren sein, dass FRELIMO zwar einmal viel für das Land getan hat, jetzt aber nicht mehr nützlich ist und nur sich selbst dient, anstatt dem Volk zu dienen. Und jede Regierung, die sich selbst dient, anstatt dem Volk zu dienen, ist nicht in der Lage, ein Land zum Frieden zu führen.

8. Was erwartet die Bevölkerung Mosambiks von EU-Staaten und Kirchen sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen zur Förderung wirtschaftlicher Aktivitäten, die die soziale Entwicklung und Sicherheit in Mosambik nachhaltig verbessern?

Pater Davide: Die Menschen in Mosambik erwarten von den EU-Staaten, Kirchen und zivilgesellschaftlichen Organisationen, dass sie eine wichtige Rolle spielen bei der Förderung einer nachhaltigen Entwicklung, der Verbesserung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, der Stärkung der Regierungsführung, der Förderung von Frieden und Sicherheit und der Befähigung der Bevölkerung die Herausforderungen des Landes zu bewältigen. Aber einige EU-Länder sind gierig und saugen das Leben aus dem Land. Sie beuten einige afrikanische Länder, darunter Mosambik, aus.