Interview mit Pierre Stutz

Sich im Alltag nicht aufreiben zu lassen, sich nicht leben zu lassen, sondern zu leben, ist eine große Sehnsucht. Unsere Redakteurin Kerstin Meinhardt sprach mit dem katholischen Theologen und Autor Pierre Stutz darüber, welche Hilfestellung Rituale dabei bieten können.

 

Offensichtlich gibt es in allen Kulturen das Bedürfnis, große Ereignisse im Leben – wie zum Beispiel den Eintritt in die Welt der Erwachsenen – durch besondere Riten zu würdigen. Sind solche Gestaltungen von Übergängen Lebenshilfen?

Pierre Stutz: Dahinter stecken menschliche Grundbedürfnisse wie die nach Orientierung und Verwurzelung. In unserer Kultur haben wir manches davon verloren, zum Beispiel Rituale für junge Männer, wie sie in indigenen Kulturen noch vollzogen werden. Auch der Rhythmus des Jahreskreises – wie er sich im Kirchenjahr ausdrückt – hat heute für die Mehrheit der Menschen keine Bedeutung mehr. Aber das Bedürfnis ist nach wie vor spürbar. Es tritt dann hervor, wenn alte Riten – wie zum Beispiel die Rauhnächte, also die zwölf heiligen Nächte zwischen 26. Dezember und 6. Januar – wiederentdeckt werden und in anderen Zusammenhängen auftauchen.

Dass Rituale für heutige Menschen besonders wichtig sind, wurde mir in der seelsorglichen Begleitung klar. Die Überforderungen der Menschen im Alltag sind immens. Vereinsamung und Sinnverlust nehmen zu. Deshalb haben Alltagsrituale eine besondere Bedeutung. Es geht darum, sich nicht leben zu lassen, sondern selbst zu leben. Wie groß die Leerstelle für viele Menschen heute ist, war mir zuerst gar nicht bewusst, weil ich so traditionell katholisch sozialisiert bin. Da war alles durchritualisiert. Nehmen Sie die Fastnacht, die Fastenzeit, die Karwoche, Ostern … Aber heute fehlt den meisten Menschen diese Verwurzelung. Das heißt nicht, dass früher alles in Ordnung war. Da war viel Druck, und viele hatten ein schreckliches Gottesbild. Deshalb ist mir immer wichtig, die Menschen spüren zu lassen: Gott kommt all unseren Ritualen mit seiner Gnade zuvor. Gott braucht nicht unsere Rituale, aber wir brauchen die damit verbundene Unterbrechung. Wir brauchen diese Erinnerung, dass wir schon geliebt sind, bevor wir etwas tun. All diese kleinen Übungen, die ich in dem Büchlein »50 Rituale für die Seele« beschrieben habe, sind ganz einfache Alltagsrituale. Sie sagen: »Erinnere dich daran, dass du mehr bist als deine Leistung. Du bist mehr als die Verwundungen in deiner Kindheit. Du bist mehr als der Druck, der dich heute in eine Enge führen will.« Das ist die Aufgabe eines Rituals: Es möchte mich zu mir selbst führen, und es möchte mich weiten zur Welt hin. Es möchte mich erinnern, dass ich in einem größeren Ganzen aufgehoben bin.

Manchmal wird unterschieden zwischen Ritualen und bewusst in den Alltag ­integrierten Atem- oder Achtsamkeits­übungen, die eher als gesundheits­fördernde Routinen bezeichnet werden. Ist die Unterscheidung überhaupt ­gerechtfertigt?

Pierre Stutz: Viele verbinden Rituale mit etwas Religiösem. Ich setze anders an. Viele Menschen sagen mir: »Ich möchte etwas verändern in meinem Leben, aber ich habe keine Zeit!« Das heißt: keine zusätzlichen Überforderungen, keine großen Programme, nicht noch mehr »Du musst!«. So meint jemand: »Ich muss jeden Tag mit dem Hund raus, ich habe keine Zeit für Rituale.« Wenn aber der Weg mit dem Hund bewusst gegangen wird und ein regelmäßiger kraftvoller Moment des Innehaltens und Aufatmens ist, dann fängt damit das Ritual an. Manchmal ist es tatsächlich eine Frage der Perspektive. Wenn ich in der Warteschlange beim Einkaufen stehe und mir bewusst mache, dass ich Zeit verliere, dann ist es die Perspektive der Störung, die defizitäre Sicht. Ich kann mir aber auch sagen: Ich stehe jetzt da, und ich kann daraus was machen. Der Zugang dabei ist immer der Atem. Da ist die Nähe zu den Achtsamkeitsübungen und zu Jon Kabat-Zinn, der das wunderbar als Gesundheitsprogramm entfaltet hat. Ich versuche als Einladung eine religiöse Dimension aufzuzeigen – und es kann tatsächlich nur eine Einladung sein! Eine unserer Ursehnsüchte ist es, gesegnet und so geliebt zu sein, wie wir sind: bewohnt zu sein von einem göttlichen Funken. Das ist etwas ganz Persönliches und zugleich etwas sehr Politisches. Es bedeutet, trotz allem an das Gute im Menschen zu glauben. In den Ritualen komme ich bei mir an. Aber das ist nie nur privat. Bei mir ankommen heißt, beim Göttlichen ankommen und bei Gott ankommen; heißt, in dieser Welt ankommen und mich verbinden mit all den Menschen, die jetzt in diesem Moment Frieden schaffen. Und das geschieht! Nur weil ich mir dessen nicht bewusst bin, nur weil ich den ganzen Tag mit negativen Meldungen bombardiert werde, passiert es trotzdem. Es braucht diese Fokussierung. Und deshalb nenne ich diese Rituale auch Widerstandsakte, oder christlich ausgedrückt  geht es um Auferstehung: Ich stehe auf für ein Leben vor dem Tod! Mir geht es darum, dass Menschen zu ihrer Kraft finden. Die große Krux dabei ist, dass es dazu Übung braucht. Und mit der Übung verbunden ist die Gefahr, dass sie in die Leistungsfalle führt. Sobald wir Rituale »machen wollen«, entziehen wir ihnen ihre Kraft. Das ist eine Gratwanderung. Zum einen braucht es die Entschiedenheit »Ich will mein Leben nicht dauernd auf später vertagen«, und dazu ist Übung notwendig. Aber bei der Übung gilt es darauf zu achten, dass ich das Wesentliche nicht machen kann. Da kommt meine Lebensspiritualität ins Spiel, die ich als kämpferische Gelassenheit bezeichne. Es kommt auf mich an, aber es hängt nie von mir alleine ab. Es kommt auf mich an, ich entscheide, wie ich auf das Leben blicke. Wenn ich nur mit der Negativbrille durchs Leben gehe, dann sehe ich schwarz. Ich kann versuchen, immer wieder meine Perspektive zu ändern, und dazu braucht es kleine Übungen.

Geht es bei den Übungen auch um Disziplin?  

Pierre Stutz: Die Gefahr ist groß, dass das, was uns guttut in der Seele, sehr schnell auf der Strecke bleibt. Wenn ich in meinem Kalender nicht einen Strich mache für »meinen« Tag, dann gebe ich diesen Tag frei. Es ist erstaunlich, dass ich eine solche Eselsbrücke brauche, aber so ist die Realität! Das gilt für den Umgang mit sich selber, aber das gilt auch für Paare. Wenn ich Paare danach frage: »Wann ist Euer gemeinsamer Abend?«, dann kriege ich ein müdes Lächeln: »Das brauchen wir doch nicht! Wir können doch immer miteinander reden!« Aber dann sind auf einmal Monate vergangen, ohne dass miteinander geredet wurde. Wer die Notwendigkeit der Verbindlichkeit sich selbst und dem anderen gegenüber nicht akzeptiert und immer spontan sein will, der läuft Gefahr, sich zu verlieren.

Wir alle kennen Rituale, die starr und sinnentleert auf uns wirken. Wie können wir verhindern, dass ein Ritual zur automatisch ablaufenden Gewohnheit wird und nicht mehr lebendig ist? Selbst Sakramente werden in ihrer Symbolkraft von vielen Menschen nicht mehr erfahren und kommen dann für sie nur noch als eine sinnentleerte Routinehandlung daher.

Pierre Stutz: Es stimmt, Rituale können in die Enge führen. Wir müssen spüren, ob sie uns guttun. Sigmund Freud hat zu recht aufgezeigt, dass rituelle Handlungen neurotisch werden können. Ich versuche deshalb, wachsam zu bleiben. Was die Kirche betrifft, so denke ich, dass es tatsächlich Handlungsbedarf gibt. Deshalb ging es in meinen ersten Büchern – vor mehr als 30 Jahren – um die Erneuerung der Liturgie. Wir brauchen Rituale, aber wir brauchen zugleich die innere Freiheit, dass sich in diesen Ritualen zum Beispiel Worte verändern können. Es gibt nicht nur den einen Zugang! Aus meiner Sicht ist die Gefahr groß, dass in der Liturgie zu sehr an Äußerlichkeiten festgehalten wird. Gottes Geist weht, wo sie will. Mit der Betonung auf »sie«!

Die Institutionen sind leider immer in der Gefahr, dass sie zu starr sind und dass dadurch Rituale zur Leier werden. Aus meiner Sicht kann das nur verändert werden durch die innere Haltung. Ich bereite zum Beispiel meine Kurse  gut vor. Ich habe mein inneres Manuskript, aber das Entscheidende, das geschieht erst dann, wenn die Menschen kommen und ich dank meiner Vorbereitung mein Manuskript loslassen kann und auf das eingehe, was jetzt ist. Wir müssen präsent sein für das, was dann im Moment ansteht und nicht mit einem Programm daherkommen, in dem alles durchgetaktet ist. Davon werden die Menschen nicht berührt, weil nämlich nicht das geschieht, was geschehen möchte vom Geist Gottes her.

Wahrzunehmen, was ist, könnte für die Kirche zum Beispiel bedeuten, Angebote zu formulieren nach dem Scheitern einer Ehe. Es könnte Trennungsrituale geben, wie einen Scherbengottesdienst. Die Sicht auf das Sakrament der Ehe scheint das aber zu verhindern. Eine Wahrnehmung der Notwendigkeit würde aber so etwas fordern, oder?

Pierre Stutz: Auf jeden Fall! So etwas wird mittlerweile ab und zu auch gemacht, aber aus meiner Sicht viel zu selten. Dabei ist das die Kernkompetenz des Christentums: am Durchkreuzten wachsen und reifen. Also da, wo wir denken, es ist alles falsch, es ist nichts geglückt, zu merken, dass die Segenskraft Gottes mit mir noch was ganz Neues vorhat. Ich erlebe in der Begleitung so oft tiefe Verwundungen. Das ganze Menschsein sehnt sich danach, diese mit anderen zu teilen. Da braucht es in der Kirche neue Formen, ganz wenige Worte und die Bereitschaft zu vertrauen. Es geht nur darum, Räume zu öffnen, in denen dieser Schmerz ein Ventil finden kann. Ich bleibe verzweifelt katholisch und hoffe immer noch auf Veränderung. Es gäbe so viele Möglichkeiten und so vieles, was an Strukturänderungen nötig wäre, aber es passiert zu wenig. Stattdessen laufen die Menschen zu Ritualberatern, zu Lebensbegleiterinnen …  Das Haus brennt, und es wird immer noch diskutiert, ob die Vorhänge grün oder blau sein sollten. Das ist die Tragik. Da läge eine große Aufgabe, denn viele Menschen suchen die Unterstützung. Dazu braucht es die Schätze der Tradition und die Freiheit der Kinder Gottes.

Sie sagen: »Ostern heißt, am Durchkreuzten wachsen und reifen« …

Pierre Stutz: Ja, das Osterfest zeigt uns archetypisch, dass die Verzweiflung nicht das letzte Wort hat. Das heißt, wir können am Schweren wachsen und reifen. Das ist für mich die Quintessenz von Ostern. Allerdings darf auch nicht unterschlagen werden, dass es Menschen gibt, die am Schweren zerbrechen. Ich kenne zu viele Menschen, die durch Suizid gestorben sind, weil die Kraft nicht reichte. Aber Ostern ist die Ermutigung, das Schwere miteinander auszuhalten. Und da haben Trauerrituale eine große Bedeutung. Gerade durch Corona wurde uns deutlich, was verloren wird, wenn Menschen nicht mehr zusammen trauern können oder wenn sie alleine sterben müssen. Das ist ein Verlust an Lebensqualität, wenn es nicht mehr möglich ist, einen Menschen begleiten zu können beim Sterben. Das ist Leben in Fülle. Da ist das ganze Leben, alles ist in größter Dichte da, auch wenn es wehtut.

Das ist von brennender Aktualität in einer Welt der ständigen Selbstoptimierung. Hinter dem »Immer noch mehr, immer noch besser« steckt nichts anderes als die panische Angst nicht zu genügen. Und dann kommt dieses Befreiende des Ostermorgens. Da wird der Stein weggenommen, das kann niemand selber machen. Genau darin liegt der Schlüssel von Ostern: das Schwere aushalten und nicht meinen, das gehöre nicht zum Leben. Ostern ist eben nicht nur ein Halleluja. Der ­Auferstandene steht dafür, dass wir mit unseren ­Wundmalen sein dürfen. Wir müssen nicht Superfrau und Supermann sein, die unverwundbar sind. Daran können wir uns in kleinen Alltagsritualen immer wieder selbst erinnern und aus der eigenen Mitte heraus leben.

»Wenn ich abends nach Hause komme, entzünde ich immer die Kerze vor Arnes Foto. Ich habe eine kleine Ecke in meinem Schlafzimmer eingerichtet, da fühle ich mich meinem verstor-benen Sohn besonders nah. Das ist nichts Öffentliches, es ist nur für mich. Es hilft mir, jeden Abend einen Moment der Stille vor seinem Bild zu haben, das Holzkreuz in den Händen zu halten, ein Gebet zu sprechen …«