Mosambik – Was einem nachhaltigen Frieden dienen würde

Interview mit Elisabeth Drolshagen SSCC

Mosambik ist ein Land, dessen Menschen jahrhundertelang Krieg und Gewalt erleiden mussten. Nach kolonialer Besatzung und Ausbeutung durch Portugal erlangte das Land 1975 die Unabhängigkeit.
16 Jahre Bürgerkrieg, der das Land weiter verwüstete, folgten. Der Friedensschluss von 1992 in Rom durch Vermittlung der katholischen Gemeinschaft Sant‘Egidio und der katholischen Kirche in Mosambik führte zum Waffenstillstand, doch der Frieden in einem der ärmsten Staaten der Welt ist bis heute sehr fragil.

Schwester Elisabeth, kann man sagen, dass Frieden im Land herrscht?
Wenn Frieden das Schweigen der Waffen heißt, dann herrscht in weiten Teilen Mosambiks Frieden, trotz der sozialen Spannungen und abgesehen von den gewalttätigen Attacken des sogenannten Islamischen Staat (IS) im Norden des Landes. Doch die Situation ist fragil. Die Menschen wünschen sich Veränderungen. Sie wünschen sich, dass man ihnen ihren Lohn auszahlt; dass die Schuldigen, die zur Verschuldung des Landes beigetragen haben, entsprechend bestraft werden; dass man seine Meinung, auch wenn sie regierungskritisch ist, ohne Angst laut sagen darf; dass die Korruption wirklich bekämpft wird und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden; dass der Reichtum des Landes der Entwicklung des Landes und seiner Bevölkerung zugutekommt und nicht in den Taschen einiger weniger versickert.

Auch die am 9. Oktober dieses Jahres anstehenden Präsidentschafts-, Parlaments- und Provinzgouverneurswahlen in Mosambik verschärfen die Spannungen. Nach dem Verlauf der Kommunalwahlen im Oktober letzten Jahres erklärte die Nationale Wahlkommission Mosambiks die Regierungspartei FRELIMO zum Sieger. Die Oppositionsparteien RENAMO und MDM, die schon im Vorfeld der Wahlen auf Unregelmäßigkeiten aufmerksam gemacht hatten, fochten das Wahlergebnis an. Parallele Stimmenauszählungen durch ein Konsortium unabhängiger Wahlbeobachter:innen unter Führung der katholischen Kirche ergaben, dass RENAMO eine Handvoll Gemeinden gewann, darunter erstmals auch die Hauptstadt Maputo. Massendemonstrationen wurden von der Polizei gewaltsam bekämpft, was zu weitverbreiteter Gewalt nach der Wahl geführt hat. Alles deutet daraufhin, dass die amtierende Partei FRELIMO alles tun wird, um auch bei den bevorstehenden Wahlen im Oktober als alleinige Siegerin hervorzugehen, und somit eine autoritäre Alleinherrschaft ausbauen könnte. Dann würde das Mehrparteiensystem Mosambiks weitgehend nur noch auf dem Papier existieren.

Sind die Gebiete, in denen die islamistischen Kämpfer geherrscht haben, inzwischen  »befriedet«?
Nein, die Gewalt im Norden ist nicht unter Kontrolle, und ich denke, sie wird auch nicht so schnell unter Kontrolle kommen. Seit Oktober 2017 sind Dörfer und Kleinstädte in traditionell muslimisch geprägten Küstendistrikten der Nordprovinz Cabo Delgado Ziel von bewaffneten Angriffen, die dschihadistischen Gruppen zugeschrieben werden. In Somalia und Kenia ausgebildete Mosambikaner sollen den Kern einer Miliz namens Ahlu Sunna wa Jama (ASWJ) bilden. Aber die komplexe Gemengelage der Provinz lässt keine eindeutigen Zuschreibungen zu. Neben dem Einsickern dschihadistischer Gruppen aus dem Ausland, die sich offen zum  »Islamischen Staat« (IS) bekennen, spielen auch interne Faktoren für die gewalttätigen Unruhen eine Rolle:

  • Die Rivalitäten zwischen den verschiedenen ethnischen Bevölkerungsgruppen.
  • Die Verarmung und Perspektivlosigkeit marginalisierter Jugendlicher, die sich von der Elite im Süden im Stich gelassen fühlen, macht diese anfällig für die Versprechen religiöser Führer und Warlords.
  • Unterschiedliche wirtschaftliche Großprojekte internationaler Konzerne, wie Total, ENI, Exxon Mobil u. a., die vom dortigen Rohstoffreichtum – vor allem Erdgas – angezogen werden und ihre Investitionen gefährdet sehen.
  • Ein fahrlässiger und abwesender Nationalstaat: Die FRELIMO-Regierung hat das Problem lange kleingeredet und eine Berichterstattung aus den Konfliktgebieten mit harter Verfolgung von Journalist:innen unterbunden. Die Einnahme zweier Distrikthauptstädte zeigte, dass die Armee unfähig ist, den Norden des Landes zu befrieden. Schließlich versuchte die Regierung Ende 2019 mithilfe von russischen Söldnern der  »Wagner-Gruppe« vergeblich, die Aufständischen zu vertreiben. Ihre Stelle hat inzwischen ein privates südafrikanisches Söldnerunternehmen, die Dyck Advisory Group (DAG), eingenommen. Im Mai 2020 hat sich Mosambik an das Verteidigungs- und Sicherheitsorgan der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas (SADC) gewandt, die ruandische Streitkräfte in das Gebiet entsandte.
  • Internationale Drogenhandelsnetzwerke: Man nimmt an, dass die Terroristen in Cabo Delgado möglicherweise durch Drogenhandel finanziert werden. Mosambik wird von mehreren internatio­nalen Organisationen als Transitkorridor für den internationalen Drogenhandel für Europa und die Vereinigten Staaten von Amerika identifiziert.

Warum ist die Sicherheitslage in Mosambik häufig so fragil?
Wenn die Menschen spüren, dass es statt bergauf mehr bergab geht; einige immer reicher werden, aber die Mehrheit immer weniger verdient; wenn die Politiker ihre Wahlversprechen nicht umsetzen oder Wahlergebnisse nicht anerkannt werden; all das trägt mit dazu bei, dass die Menschen die Geduld verlieren und Wege suchen, um ihren Frust zum Ausdruck zu bringen.

Dabei muss ich sagen, dass die Mosambikaner:innen, die ich kennengelernt habe, gegen Gewalt sind und in Frieden leben wollen. Aber wenn Jugendliche keine Arbeit finden; wenn, bedingt durch den Klimawandel, die Ernten ausfallen; wenn der Reichtum der im Norden befindlichen Bodenschätze sowie die vielen finanziellen Hilfen nicht am Ziel ankommen, dann wachsen Wut und Verzweiflung.

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Situation im Land ein? Welche Rolle spielen die wirtschaftlichen Inter­essen internationaler Akteure in Mosambik?
Mosambik ist ein Land mit vielen Jugendlichen, und nur wenige finden einen Arbeitsplatz. Die Regierung animiert die Menschen, sich nach einer Ausbildung selbstständig zu machen. Doch wer kann die finanziellen Ausgaben für die Anschaffung der notwendigen Materialien und Werkzeuge etc. aufbringen? Viele Menschen leben von der  »Hand in den Mund«, und es existiert ein großer Schwarzmarkt. Man kann sagen, dass wirtschaftliche Investitionen internationaler Akteure mit Arbeitsplätzen zum Aufschwung des Landes beitragen können. Der Umfang hängt aber davon ab, wie die Gewinne verteilt werden und wem sie zugutekommen. Die Interessen internationaler wirtschaftlicher Akteure dürfen nicht dazu führen, dass der Staat und somit auch seine Bevölkerung in eine neue Form der Kolonisierung geraten.

Kann von  »außen« geleistete Hilfe zur Stabilisierung des Landes beitragen?
Die Frage ist, von welcher Art der Hilfe wir sprechen. Sprechen wir von Hilfe, die zum Beispiel zum Wiederaufbau der Regionen beiträgt, die von den Zyklonen Idai und Kenneth im Frühjahr 2019 verwüstet wurden, die zahlreiche Dörfer sowie Tausende Familienunterkünfte vollständig zerstört haben, bei denen Hunderte Menschen starben und ganze Regionen durch die starken Regenfälle überschwemmt wurden? Oder auch von Hilfe und Projekten, die versuchen, den Hunger und die Armut zu bekämpfen, Kindern die Teilnahme am Schulunterricht zu ermöglichen und zu sichern? In diesen Fällen denke ich, dass  »Hilfen von außen« zu einer Stabilisierung des Landes beitragen können. Dies gilt zumindest, wenn sie so eingesetzt werden, dass sie die Empfänger:innen mit einbinden, anstatt sie zu bevormunden; dass sie die Interessen der Betroffenen berücksichtigen und keine Unterschiede – Religion, Herkunft etc. – in der Zusammenarbeit mit den Menschen machen.

Was können die Menschen selbst tun, um nachhaltig ein auskömmliches Leben in Frieden und Sicherheit führen zu können?
In all den Jahren, die ich nun schon in Mosambik lebe, habe ich nie den Eindruck gewonnen, dass die Menschen Krieg und Unsicherheit wollen. Was die Bevölkerung möchte, ist in Ruhe zu leben, ihren Alltag zu meistern; genügend zu essen auf dem Tisch zu haben, ihrer Arbeit nachzugehen und einen gerechten Lohn dafür zu erhalten; ihre Häuser zu bauen oder zu erweitern; in den Gesundheitszentren freundlich und effektiv behandelt zu werden. Sie wollen soziale Gerechtigkeit und Fortschritt. In den demokratischen Ländern, zu denen auch Deutschland zählt, haben wir Mitbürger:innen das Recht, öffentlich unsere Meinung zum Ausdruck zu bringen, Missstände anzuprangern etc. Diese Rechte sind auch in der Gesetzgebung Mosambiks verankert. Aber wenn die Leute davon Gebrauch machen wollen, werden sie von den Sicherheitsbehörden schnell zerstreut.

Worauf hingearbeitet werden muss, ist, dass die Menschen ihre Rechte wahrnehmen und wahrnehmen dürfen; dass die jetzige Regierung zur wirklichen Zusammenarbeit mit anderen Gruppen, seien es politische oder zivilgesellschaftliche, bereit ist; dass sie andere Meinungen zulässt und Wege sucht, die Reichtümer des Landes in die Verbesserung von Infrastruktur wie Straßen, Schulen, Gesundheitszentren, der Schaffung von Arbeitsplätzen etc. zu investieren; dass sie letztendlich der Bevölkerung zugutekommen. Die Korruption auf allen Ebenen muss überwunden werden, Wahlen müssen gerecht und transparent durchgeführt und die Ergebnisse respektiert werden. In diesem Fall sind die internationalen Beobachter:innen, die den Ablauf von Wahlen begleiten, gefragt.

Was wünscht sich die Bevölkerung in Mosambik von den Staaten der EU und was von Kirchen und zivilgesellschaftlichen Organisationen?
Ich denke, dass sie sich wünschen, dass internationale Institutionen sich mehr und kritischer für die Rechte und das Wohlergehen der Bevölkerung einsetzen; dass für Transparenz bei Verhandlungen und bei der Vergabe von Verträgen für die Gewinnung von Rohstoffen gesorgt wird; dass die Grundrechte der Menschen berücksichtigt werden; dass Hilfe geleistet wird, damit das Volk, die Bevölkerung selber entscheidet und nicht für sie durch die reichen Staaten oder die Reichen und Mächtigen des Landes entschieden wird.

Was ich in Mosambik bewundere, ist die friedliche Koexistenz der verschiedenen Religionen. Sogar die gewalttätigen, terroristischen Anschläge des  »Islamischen Staats« (IS), beeinträchtigt nicht das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionen. Hier besteht eine Aufgabe für die verschiedenen Kirchen und Glaubensgemeinschaften, weiterhin alles dafür zu tun, was den Frieden festigen und Gewalt verhindern kann. Darüber hinaus wird von den Staaten der EU, den Kirchen und zivilgesellschaftlichen Organisationen erwartet, dass sie Sprachrohr für diejenigen sind, die keine oder nur geringe Möglichkeiten haben, auf Missstände in ihrem Land aufmerksam zu machen.

Interview/Bearbeitung: Anna Meinhardt und Thomas Meinhardt