Zur Orientierung

Ist die Kirche zuerst Seelsorgerin oder Lehrerin?

Am 18. Dezember 2023 hat das Dikasterium für die Glaubenslehre in Rom die Erklärung Fiducia Supplicans über die pastorale Sinngebung von Segnungen veröffentlicht. Diese Erklärung, die sich auf die Fragen von persönlichen Segnungen außerhalb der liturgischen Handlungen bezieht, hat viele Gemüter weltweit bewegt. Vor allem zur Frage der Segnung homosexueller Paare in diesem nicht-liturgischen Zusammenhang hat es viele kontroverse und unversöhnlich erscheinende Einlassungen gegeben. Gleichzeitig glaube ich, dass diese Auseinandersetzung am grundlegenden Thema von Fiducia Supplicans vorbeigeht. Die Diskussion bezieht sich auf die Frage, ob eine »Sünde« gesegnet werden kann oder nicht; so als ob es in der Situation einer nicht-liturgischen Segnung darum ginge, Menschen einen bestimmten Status innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft zu geben, der ihnen nicht zustünde.

Ich verstehe Fiducia Supplicans so, dass es vor allem darum geht, auch mit nicht-liturgischen Segnungen eine pastorale Möglichkeit des Zugangs Gottes zum Herzen der Menschen zu finden. Ich denke oft an die Segnungen, um die ich nach dem Gottesdienst in den argentinischen Gemeinden gebeten worden bin; viele Menschen kamen und haben sich vom Priester segnen lassen. Die Debatte darum, ob der Segen am Ende des Gottesdienstes, den sie ja alle empfangen haben, nicht »gut genug« sei, hat sich als ziemlich nutzlos erwiesen. Viele Menschen wollten beides, auch wenn sich dahinter durchaus magische Vorstellungen verborgen haben. Sie kamen mit Wasserfläschchen, mit Heiligenbildchen, mit Rosenkränzen, mit religiösen Symbolen, die sie Angehörigen und Freund:innen schenken wollten. Oft standen nach dem Gottesdienst 40 bis 50 Menschen an, und ich musste mich beeilen, damit ich noch rechtzeitig zum nächsten Gottesdienst in die benachbarte Basisgemeinde kommen konnte.

Besonders sind mir die Segnung der »Heiligenbildchen« vom Gauchito Gil in Erinnerung geblieben, der gar kein Heiliger der katholischen Kirche, sondern eine Art Robin Hood Argentiniens war und von den Räuber- und Drogenhändlerbanden im Viertel besonders verehrt wurde. Im Augenblick der Segnungen war ein ernsthaftes Gespräch darüber gar nicht möglich. Ich selbst war davon überzeugt, dass Gott selbst diesen Segen schon begleiten wird und in den Menschen, die diese Gauchito-Gil-Bildchen bekamen, eine Veränderung im Sinne der Nächstenliebe bewirkt. Interessanterweise hat diese eher pastorale als lehrmäßige Haltung durchaus Früchte getragen, obwohl die Leute in der Absicht kamen, ihre kriminellen Handlungen segnen zu lassen, damit sie bei ihren Überfällen nicht erwischt werden. Eine Gemeinde, in der dies besonders häufig vorkam, bekam Zugang zu den Familien der kriminellen Banden im Stadtviertel. Die Gemeindemitglieder brauchten nicht mehr zu fürchten, dass sie überfallen würden, auch wenn sie die Banden nicht unterstützt haben, und die Kinder der Kriminellen kamen zur Erstkommunion- und Firmkatechese und wurden zu einem Teil der Gemeinde. Ich denke, dass diese Veränderung deutlich zeigt, wie wichtig eine pastorale Haltung ist und wie gefährlich eine rein lehrmäßige Haltung werden kann.

Ich verstehe den Aufruf von Fiducia Supplicans so, dass die Kirche vor allem Seelsorgerin ist und nicht Lehrerin, denn Lehrer ist nur einer, Christus. Und ich glaube, dass es von großer Wichtigkeit ist, allen Menschen mit der Offenheit des Herzens Jesu zu begegnen, der sich den Prostituierten und Korrupten in geschwisterlicher Liebe zugewandt hat. Und mir scheint, dass die augenblickliche Diskussion eher davon wegführt, dass wir – die gesamte Gemeinde Jesu Christi – eben nicht zuerst Lehrer:innen sind, sondern Seelsorger:innen, nicht zuerst Eltern unserer Hausgemeinde, sondern zuerst Geschwister Jesu; nicht zuerst Meister:innen, sondern zuerst Jünger- und Freund:innen. Und als Jesu Geschwister und Kinder des einen Vaters, als Jesu Jünger:innen- und Freundesschar sind wir gerufen, die Menschen mit Jesu Geist anzustecken. Und so bleibt es dabei: Es gibt nur einen Vater, den im Himmel, nur einen Lehrer, Jesus Christus, nur einen Meister, den Heiligen Geist.

Ich glaube, dass uns diese Demut durchaus gut ansteht, gerade in diesen Zeiten. Sie verlangt eine tiefe spirituelle Erneuerung, eine pastorale Bekehrung, denn sie verlangt von uns, dass wir darauf verzichten, einen anderen Vater zu finden als den im Himmel, einen anderen Lehrer zu finden als Jesus Christus, einen anderen Meister zu suchen als den Heiligen Geist. Denn so können wir lernen, dass wir einander Geschwister sind, dass wir die Würde des Abbildes Gottes im anderen Menschen achten lernen – gerade der Kleinen und Verachteten, der »Sünder« und Ausgestoßenen – so wie Jesus es getan hat.